
Krampfadern sind nicht nur unschön, sie können auch zu einem medizinischen Problem werden. Im Interview spricht Dr. Christoph Bernheim über die verschiedenen Behandlungsmethoden. SBK-Kunden erfahren, welche Therapien für Sie möglich sind.
Ziehen, erhitzen oder veröden? Dr. med. Christoph Bernheim, niedergelassener Gefäßchirurg und Phlebologe aus München, spricht im Interview über Pro und Contra der verschiedenen Verfahrenstechniken bei der Behandlung von Krampfadern
Dr. med. Christoph Bernheim: Krampfadern sind erweiterte oberflächliche Venen der Beine. Im Unterschied zu Besenreisern, die rein kosmetische Makel, jedoch nicht gefährlich sind, müssen „echte“ Krampfadern medizinisch behandelt werden. Der Übergang von Besenreisern zu Krampfadern ist aber häufig fließend.
Eine Behandlung ist dann ratsam, wenn sich bei einer Ultraschalluntersuchung herausstellt, dass die von außen sichtbaren Venen Querverbindungen zu tiefen Venen haben und durch diese gespeist werden. Durch die kaputte Venenklappe fließt das Blut in umgekehrter Richtung. Dadurch wird der Druck auf die Venenwand immer größer, so dass sich die Vene immer mehr weitet. Das Blut „versackt“ regelrecht in den Beinen. Dann kann es zu Schwellungen und chronischen Gewebsveränderungen kommen, im schlimmsten Fall leiden Betroffene im Endstadium an dem, was man gemeinhin als „offenes Bein“ bezeichnet. Außerdem können sich die Venen entzünden und verstopfen, so dass das Blut gerinnt. Dann besteht die Gefahr einer Thrombose.
Es gibt da kein Patentrezept. Der Arzt muss von Fall zu Fall entscheiden, welche Art der Behandlung sinnvoll ist. Es gibt ja zum Beispiel Menschen, die keine Narkose vertragen. Ist die Varikose, also die Veneninsuffizienz, weniger stark ausgeprägt, reicht möglicherweise ein Kompressionsstrumpf, der jedem Patienten individuell angepasst wird. Der Strumpf übt besonders im Bereich des Fußes und des Knöchels Druck auf die Venen aus und unterstützt sie damit, das Blut wieder nach oben zu pumpen. Der Kompressionsstrumpf ist die einzige wesentliche konservative Therapie der Varikose. Eine weitere schonende Methode ist die Verödung. Dabei wird ein Mittel in die defekte Vene gespritzt, das diese verschließt und stilllegt. Als besonders effektiv hat sich in den letzten Jahren die Schaumverödung herausgestellt. Hierbei wird das Mittel, das injiziert wird, mit Luft aufgeschäumt, wodurch es möglich ist, auch größere Krampfadern zum Verschluss zu bringen. Die besten Ergebnisse beim ersten Eingriff erzielt man aber mit invasiven Maßnahmen wie das Stripping, mit dem man immerhin schon seit über 100 Jahren durchweg positive Erfahrungen macht. Hierbei wird unter örtlicher Betäubung oder unter Narkose die Mündung des defekten Venenstammes in das tiefe Venensystem – entweder in der Leiste oder in der Kniekehle – durchtrennt und ein Katheter in den kaputten Venenstamm eingeführt. Mit Hilfe des Katheters wird der defekte Venenstamm dann komplett entfernt.
Ja, seit etwa zehn Jahren werden auch Radiowellen oder Laser eingesetzt, um Krampfadern zu behandeln. Hierbei wird die kaputte Vene über eine in sie eingeführte Sonde durch Laserenergie beziehungsweise Strom verschweißt, wobei das Radiowellen-Verfahren noch schonender ist – nach einer Laserung klagen Patienten häufig über Schmerzen. Anders als im Fall des Strippings eignen sich diese neuen Verfahren auch für Menschen, die blutverdünnende Medikamente einnehmen müssen, denn diese brauchen hierfür nicht abgesetzt zu werden. Für ganz oberflächlich verlaufende Venen ist unter optischen Gesichtspunkten aber das Stripping die beste Methode, denn sowohl bei der Schaumverödung als auch beim Radiowellen- und beim Laserverfahren können nach der Behandlung sehr oberflächlicher Venen unschöne Hautpigmentierungen zurückbleiben.
Ja, das ist durchaus möglich. Nach der Schaumverödung kann sich ein Venenstamm wieder rekanalisieren, das heißt öffnen. Besonders dann, wenn eine Vene deutlich erweitert ist, sie zum Beispiel stehend gemessen einen Durchmesser von zwei Zentimeter hat im Vergleich zu einer gesunden mit etwa drei Millimeter. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zubleibt, liegt bei 70 bis 80 Prozent. Die größte Nachhaltigkeit bezüglich des definitiven Verschlusses eines Venenstamms wird jedoch über das Radiowellen-Verfahren erzielt. Hier liegt die Langzeit-Erfolgschance bei 99 Prozent. Aber auch nach einer Operation, bei der die kaputten Venen ja entfernt werden, kann nicht ganz ausgeschlossen werden, dass sich nach einiger Zeit aus dem Gefäß-Stumpf in der Leiste oder in der Kniekehle neue feinste Gefäße bilden, die sich an gesunde Venen anschließen. Dann drückt wieder Blut aus der falschen Richtung gegen die Venenklappe und es kommt erneut zu einem Blutrückfluss.
Grundsätzlich spricht nichts dagegen. Die Frage ist nur, ob das auch sinnvoll ist. Haben sich nach einer OP wieder leichtere Krampfadern gebildet, reicht möglicherweise auch eine Schaumsklerosierung aus.
Leider sind Krampfadern häufig genetisch bedingt, eine Neubildung schicksalhaft. Es ist aber ratsam, nach einer OP Kompressionsstrümpfe zu tragen. Außerdem sollten Patienten auf ihr Gewicht achten oder gegebenenfalls abnehmen.
Salben, Tabletten, Kügelchen – all das kann bestehende Krampfadern nicht bekämpfen. Anwendungen mit kaltem Wasser dienen höchstens zur Vorbeugung bei gesunden Venen. Genauso wenig als Therapie geeignet sind Maßnahmen wie Lymphdrainage, Bewegung oder Wechselduschen. Sie helfen höchstens prophylaktisch.
Wirksame Hilfe bei Besenreisern, Krampfadern, Thrombose und offenem Bein. Alle wichtigen Fragen vom Experten beantwortet. Venenerkrankungen zählen zu den häufigsten Erkrankungen und betreffen Frauen und Männer. Die moderne Medizin kann die Beschwerden heute mit schonenden Mitteln behandeln, unterstützt durch Eigentherapie und anerkannte Verfahren der physikalischen Medizin und der Naturheilkunde. Der Venen-Experte Dr. Florian Netzer erklärt medizinischen Laien die einzelnen Erkrankungen, Behandlungsmöglichkeiten und -kosten. Er hilft ihnen die optimale individuelle Therapie zu finden sowie Venenerkrankungen vorzubeugen und nachzubehandeln.
(ISBN 9783899935851, Schlütersche, 12,95 Euro)
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