Der Schlaf

Schlafen ist kein geringes Kunststück, denn man muss den ganzen Tag dafür wach bleiben, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche einst gewitzelt. Für viele ist dieser Aphorismus leider eine quälende Wahrheit. Denn Schlafstörungen machen immer mehr Menschen Tag und Nacht das Leben schwer.

Schlafen ist manchmal nicht so einfach

Es ist 22 Uhr und Johanna Sowa ist müde. Die zierliche junge Frau sitzt vor dem schmalen Bett, ihr Blick ist auf die Wand gerichtet, Kopf und Körper sind verkabelt. Ihre letzte Nacht war grauenvoll, genauso wie die Nächte davor. Frau Sowa hat Schlafrhythmusstörungen. Sie kann nachts nicht schlafen, in der Früh kommt sie nicht aus dem Bett und tagsüber quält sie bleierne Müdigkeit. „Ich weiß gar nicht, wie ich mein Fachabitur geschafft habe“, sagt die Schülerin, die im kommenden Jahr die allgemeine Hochschulreife erwerben möchte. Bis dahin will sie ihre Schlafstörungen in den Griff bekommen, um endlich voll leistungsfähig zu sein. Deshalb verbringt die 20-Jährige nach eingehenden Untersuchungen zwei Nächte im Schlaflabor, um ihrem Problem auf den Grund zu kommen.

Im Schlaflabor

Im Schlaflabor werden alle Aktivitäten ihres Körpers während der Nacht gemessen und aufgezeichnet – die Hirnströme, die Bewegungen der Augenmuskulatur und anderer Muskelpartien, die Herzaktivität und der Sauerstoffgehalt im Blut. Außerdem filmt eine Infrarotkamera die Patientin im Bett. Insgesamt 15 Elektroden werden an Frau Sowas Kopf und an ihren Beinen angebracht, ein Atemmessgerät klemmt unter ihrer Nase, ein Schnarchmikrofon haftet an ihrem Hals und ein Thermometer misst Veränderungen ihrer Körpertemperatur. Derart verkabelt, legt sich Johanna Sowa dann ins Bett. Sie liest noch ein bisschen. Um 23 Uhr gehen im Schlaflabor die Lichter aus. Schlafenszeit – oder eben nicht.
Der Schlaf von zirka 150 Patienten wird pro Jahr in diesem Labor analysiert, das Teil des Schlafmedizinischen Zentrums im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München ist. Dieses Zentrum wurde 1991 von Professor Michael Wiegand gegründet. Der Psychiater, Psychotherapeut und Diplom-Psychologe leistete mit dem Institut Pionierarbeit, denn Schlafmedizin ist normalerweise kein eigenständiger Bestandteil psychiatrischer Kliniken. Doch für den Arzt und Wissenschaftler ist die Bedeutung des Schlafs für die Gesundheit von Geist und Körper von größter Bedeutung. Und das Schlaflabor bringt für die Diagnose von Schlafstörungen wertvolle Erkenntnisse. „Während wir schlafen, passieren ganz wesentliche Dinge“, sagt Wiegand, der sich in seiner Einrichtung auf psychophysiologische Vorgänge spezialisiert hat. 

Schlafhygiene

Schlaf ist ein menschliches Grundbedürfnis, fast ein Drittel seiner Lebenszeit verbringt der Mensch schlafend. Phasen mit Einschlafproblemen oder unruhigen Nächten hat dabei fast jeder einmal, schließlich schüttelt man die Belastungen des Tages nicht einfach vor dem Zubettgehen ab. Doch diese Störungen gehen meist vorüber, wenn man einige Verhaltensregeln für eine gesündere Lebensweise beachtet. Schlafmediziner sprechen dabei von Schlafhygiene. Dazu gehört unter anderem, immer zur selben Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen, sich gesund zu ernähren und regelmäßig Sport zu treiben. Auch Entspannungstechniken wie Yoga oder progressive Muskelentspannung helfen den Alltagsstress abzubauen und fördern den gesunden Schlaf – im Gegensatz zu Schlaftabletten, von denen man aufgrund ihres Suchtpotenzials im Regelfall die Finger lassen sollte.

Zu wenig Schlaf schadet der Gesundheit

Wenn die Regeln der Schlafhygiene nicht helfen und die Nachtruhe über lange Zeit dauerhaft gestört bleibt, wird Schlaf zum Dreh- und Angelpunkt des Alltags und damit zu einem echten gesundheitlichen Problem. Fast jeder Vierte in Deutschland leidet mittlerweile an chronischen Ein- und Durchschlafstörungen, 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an einer anderen behandlungsbedürftigen Schlafstörung. „Viele kommen aus Scham erst nach Jahrzehnten stillen Leids“, berichtet Wiegand. Denn in unserer leistungsorientierten Gesellschaft ist ungesunder Schlaf nicht vorgesehen und dauernde Müdigkeit ein Wettbewerbsnachteil. Der Bedarf an medizinischer Expertise im Bereich Schlaf ist hoch. Doch der Schlaf wurde von der Medizin lange stiefmütterlich behandelt.

Aktiver als man denkt

Bis zur Erfindung des Elektroenzephalogramms (EEG) zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt der Schlaf lediglich als ein Zustand reduzierter Aktivität des Organismus und damit als uninteressant. Aber durch die Messung der Hirnströme wurde klar, dass der Schlaf nicht weniger Aktivität, sondern qualitativ ganz andere Aktivitäten im Körper hervorruft. Seitdem wurde viel geforscht über das Phänomen Schlaf, die verschiedenen Schlafphasen und Schlaftypen, die Bedeutung von Biorhythmus und Träumen. Doch die umfassende Antwort auf die Frage, warum wir eigentlich schlafen, ist die Wissenschaft bis heute schuldig geblieben. Fest steht, dass Schlaf etwas mit Gedächtnisorganisation zu tun hat. „Man lernt tatsächlich im Schlaf“, weiß Wiegand. Auch bestimmte chemische Stoffe können nur im Schlaf reproduziert werden. Außerdem benötigt das Hirn offenbar diese regelmäßige Auszeit. Deshalb ist Schlafentzug auch Gift für die geistige Gesundheit, wie Schlafentzugsexperimente gezeigt haben. 

Schlafapnoe ist gefährlich

Die destruktive Wirkung von Schlafentzug hat lange auch das Leben von Udo Bertram dominiert. Der 60-Jährige leidet seit seinem 30. Lebensjahr an Schlafapnoe. Bei dieser Krankheit, die vorwiegend ältere, übergewichtige und schnarchende Männer trifft, kommt es zu häufigen Atemstillständen während des Schlafs. Die Atempause wird vom Gehirn registriert, das den Schläfer sofort aus dem Tiefschlaf holt, um ihn vorm Erstickungstod zu bewahren. Von den Betroffenen werden die nächtlichen Unterbrechungen oft nicht bemerkt und doch fühlen sie sich tagsüber wie erschlagen.
So war es auch bei Herrn Bertram. Nach einem über zehnjährigen Leidensweg, der ihn von einer Arztpraxis zur anderen führte, stellte man schließlich bei einer Untersuchung im Schlaflabor die Apnoe fest. Der längste Atemaussetzer, der dabei gemessen wurde, dauerte eine Minute und zehn Sekunden. Seitdem schläft Udo Bertram jede Nacht mit einer Nasenmaske, die mit einem Schlauch an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist. Durch die Maske strömt Raumluft mit leichtem Überdruck, sodass die Atemwege offen bleiben und es nicht zu Atemaussetzern kommen kann. Herr Bertram nennt die Maske sein Nasenkuschelkissen. Die Zeiten der ständigen Müdigkeit, der Verzweiflung und der störenden Persönlichkeitsveränderungen sind vorbei. „Ich bin geheilt“, sagt Udo Bertram und kämpft mit seinem Verein Schlafapnoe e.V. heute dafür, den Leidensweg anderer Betroffener abzukürzen.

80 verschiedene Schlafstörungen

Die Schlafapnoe gehört zu den häufigsten und gefährlichsten Schlafstörungen, weshalb die meisten Schlaflabore sich auf die Diagnose von schlafbezogenen Atmungsstörungen beschränken. Insgesamt gibt es über 80 ganz verschiedene Störungen des Schlafs. Sie werden grob unterteilt in Störungen der Schlafdauer und -qualität (Dyssomnie), Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie), übermäßige Tagesmüdigkeit (Hypersomnie), Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und schlafgebundene Störungen (Parasomnien) wie Schlafwandeln oder Beinkrämpfe (Restless legs). Oft sind Schlafstörungen auch nur Symptome für eine andere organische oder psychische Erkrankung. Die Herausforderung für die Mediziner liegt darin, der Ursache für die Schlafstörung auf die Spur zu kommen.

Eulen- oder Lerchentyp?

Schlafstörungen zu diagnostizieren ist oft gar nicht so leicht, denn die Ursachen können organisch, psychisch, aber auch sozial bedingt sein. Der Schlaftypus der Eule beispielsweise hat eine innere Uhr, die entgegen dem üblichen Tag-Nacht-Rhythmus läuft. Das ist mit dem normalen Arbeitsleben nicht vereinbar. Eulen sind oft schlafgestört, weil sie gegen ihren Biorhythmus leben müssen. Für Lerchen hingegen hat Morgenstund Gold im Mund. Der Schlaf-Wach-Rhythmus jedes Menschen, auch zirkadianer Rhythmus genannt, ist genetisch vorgegeben und nur schwer zu beeinflussen. Wenn die innere Uhr wie bei den Eulen aus dem Takt gerät, kommt es zu Schlafstörungen. Auch Langstreckenflieger oder Schichtarbeiter können ein Lied davon singen.

Johanna Sowa glaubt, dass sie tendenziell auch eine Eule ist. Deshalb freut sie sich auf die Uni, weil sie dann nicht mehr so früh auf der Matte stehen muss. Um morgens rechtzeitig aus dem Bett zu kommen, benötigt sie momentan neben lauter Musik eine ausgiebige Lichtdusche mit 10.000 Lux Lichtintensität und Red Bull. Nach der Nacht im Schlaflabor ist sie darauf nicht angewiesen. Denn dort darf sie heute ausschlafen.

 

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Mehr zum Thema:

SBK Leistungen bei Schlaflosigkeit

Deutsche Akademie für Gesundheit und Schlaf 

Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin   

Schlafapnoe e.V. 

Fachverband Schlafapnoe/Chronische Schlafstörungen (VdK)

 

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