
Studenten, die für ihren Studienort die Heimat verlassen, Jobnomaden, immer auf den Sprung in die nächstgrößere Stadt, Global Players: Der Mensch der Gegenwart ist in Bewegung. Manchmal gern. Hin und wieder auch mehr, als ihm lieb ist. Ortswechsel erweitern den Horizont, sie bergen aber auch Gefahren. Vor allem, wenn bei all dem Wechsel ein Gefühl von Heimat oder Geborgenheit ganz abhanden kommt.
Martin, 24, ist vor einem Jahr für einen Studienplatz von München nach Dresden gezogen. Er weiß noch genau, wie sich das anfühlte. Diese Sehnsucht, „dort zu sein, wo man sich auskennt“. Wo die Familie ist, wo einen Freunde willkommen heißen, wo man zum Bäcker geht und grüßt und ganz selbstverständlich ins Ratschen kommt. Ratschen. Auch so ein Wort von früher. In den ersten Monaten war das Leben in Dresden nicht immer einfach. Oft fuhr er nach München zurück, „um das Heimweh zu betäuben“. Dort wurde er bekocht und bemuttert. Stand mit seinen Freunden an der Isarbrücke und spielte Vergangenheit. „Selbstmitleidig“ sei er in Dresden manchmal gewesen, sagt er heute, „oft war ich in Gedanken zu Hause und hab gedacht: wär ich doch, hätt ich doch, könnt ich doch. Das war ganz schön lähmend.“ Dabei ist das, was der Student durchgemacht hat, ein völlig gesunder, normaler Prozess. „Wer Heimweh empfindet“, sagt Ernestine Wohlfart vom Zentrum für interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, „ist nicht krank. Denn für ihn gibt es einen Ort, an dem er sich geborgen fühlt.“ Zeigt doch das Heimweh, wie eng die eigene Bindung an andere Menschen und Orte, an die Vergangenheit ist. Ein Mensch, der den Wert verlässlicher Bindungen erfahren hat und darauf vertraut, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, knüpft auch in der Fremde Kontakte. Er öffnet sich Freunden und Erfahrungen und beginnt ganz allmählich, sich zu beheimaten. Schüchterne Temperamente tun sich damit schwerer, explorativere Menschen leichter. Krank wird man davon meist nicht – auch wenn sich Martin in den schlimmsten Momenten wie krank gefühlt hat.
Ein Umzug kann depressiv machen
Umzüge gehören zwar in der Psychologie wie der Tod des Nächsten oder der Jobverlust zu den sogenannten „kritischen Lebensereignissen“. In der Regel werden sie aber, gerade wenn der Ortswechsel auf eigene Initiative geschieht, gut bewältigt. Treten allerdings Überforderungs-und Angstzustände an die Stelle der Sehnsucht, ist es ratsam, einen Psychologen aufzusuchen. Liegt nämlich eine gewisse persönliche „Vulnerabilität“, Verletzlichkeit, vor, kann ein Umzug tatsächlich depressive Störungen auslösen. Leistungsabfall, Schlaf- und Appetitlosigkeit, eine Vielzahl körperlicher Beschwerden, Entscheidungsunfähigkeit, Verlust an Interessen und eine tief empfundene Schwere weisen auf eine Depression hin und sollten von einem Experten behandelt werden. Psychotherapie, eventuell gekoppelt an die Einnahme moderner Antidepressiva, sind dann Mittel, das seelische Gleichgewicht wieder herzustellen. „Nicht das Heimweh, sondern die Entfremdung von sich selbst ist ein Problem“, sagt Wohlfart. Die Wissenschaftlerin hat sich in zahlreichen Interviews mit Menschen befasst, für die es weder Heimweh noch Heimat gibt. Zu den Migranten, mit denen sie gesprochen hat, gehören auch die sogenannten „Global Players“: hochdotierte Arbeitskräfte, die von ihren Firmen in die Welt geschickt werden, ohne je länger als ein paar Jahre an einem Ort zuzubringen. Flexibilität, ständige Neuanpassung an fremde Umgebungen verlangt die weltweite Wirtschaft von ihren Mitarbeitern, Fähigkeiten, über die aber nicht jeder im ausreichenden Maß verfügt. Abends, so Wohlfart, im Tokyoer Hotelzimmer, überkomme den einsatzbereiten Manager dann leicht das Gefühl, ausgebrannt und körperlich krank zu sein. Versagensängste und Depressionen können die Folge des ungebundenen Lebens sein. Von Heimweh, meint Wohlfart, sei hier keine Rede, wohl aber vom Fehlen verbindlicher Beziehungsstrukturen, von der Selbstentfremdung eines Lebens „im Transit“. Wichtig sei es, diese gesellschaftlich bedingten Mechanismen zu reflektieren und zu verstehen und so dafür zu sorgen, sich wieder „em-bedded“, eingebunden in einen größeren Zusammenhang zu fühlen. Das kann auch den Entschluss bedeuten, sich der Macht des globalen Marktes zu entziehen, weil hier wichtige Bedürfnisse nach Nähe und Konstanz unberücksichtig bleiben.
Bei Martin regierte eine Weile lang Zerrissenheit. Es schmerzte, sich vorzustellen, dass die alten Freunde jetzt ohne ihn feierten. Zugleich wuchs das Konto des Neuen. Er fuhr mit dem Rad nach Tschechien, nach Meißen, die Elbe entlang. Und hatte mit einem Mal das Gefühl, angekommen zu sein. Inzwischen hat er viele Freunde und Bekannte und Lieblingsorte in Dresden. München betrachtet er kritischer als früher, „es ist“, sagt er, „ein erweiterter Blick.“ Den Schlüssel zur Wohnung seiner Familie hat er allerdings behalten.
Psychologische Beratung
Wenn das Heimweh zu stark ist oder ein Umzug depressive Verstimmungen zur Folge hat, kann die psychologische Beratung der SBK weiterhelfen. Im vertraulichen, persönlichen Gespräch analysiert ein psychologischer Berater der SBK die Lage. Er zeigt Lösungsmöglichkeiten auf und gemeinsam mit ihm entwickeln Sie geeignete Strategien für einen Weg aus der Krise. Das Angebot umfasst natürlich verschiedenste psychische Probleme. Die psychologische Beratung vermittelt Ihnen auch Kontakte zu Beratungsstellen und Selbsthilfeorganisationen und informiert über die verschiedenen Möglichkeiten einer Psychotherapie bis hin zu Kuren oder stationären Behandlungen.
Wenn Sie diese Hilfe in Anspruch nehmen möchten, vermittelt Ihnen Ihr persönlicher Kundenberater unter 0800 0 725 725 725 0 (gebührenfrei) den Kontakt zur nächstgelegenen Beratungsstelle.
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