Erfahrungsbericht Pflege bei Demenz

 

Wir werden immer älter. Mit dem Alter steigt auch das Risiko, dass die Geisteskräfte nachlassen. Wer Menschen mit Demenz betreut, wie im folgenden Beispiel, erlebt eine immer weiter steigende Belastung.

Martha S.* war 83, als ihr Sohn und ihre Tochter merkten, dass irgendetwas nicht stimmte. Immer häufiger berichtete sie von Dingen, die keinen Sinn ergaben: Jemand sei in ihrer Wohnung gewesen, ein Mann mit einem Kind sei vor ihrem Bett gestanden. Ein Krankenhausaufenthalt brachte ans Licht, was ihre Kinder bisher nicht wahrhaben wollten: Die Mutter war dement und litt unter Wahnvorstellungen. In die eigene Wohnung konnte sie so nicht zurückkehren.

Heim ist keine Lösung

„Ins Heim kam gar nicht in Frage“. Gerda M.*, ihre heute 53 Jahre alte Tochter, hatte noch ihren Vater vor Augen, der im Wachkoma lag und im Pflegeheim ihrer Meinung nach schlecht versorgt worden war. Das Schicksal des Vaters wollte sie ihrer Mutter auf jeden Fall ersparen und sie zu Hause pflegen. So richtig wusste sie allerdings nicht, worauf sie sich da einließ. Alles änderte sich von Grund auf. Trotzdem würde sie es jederzeit wieder so machen.

Hilfe zulassen

Seit drei Jahren lebt die pflegebedürftige Mutter jetzt im Haushalt ihrer Tochter, die weiterhin in Teilzeitzeit arbeitet. Zuerst war die Unsicherheit groß: Was macht die Mutter, wenn keiner da ist? Wird sie sich eingewöhnen? Das alles war sehr belastend. „Ich war mit den Gedanken mehr zu Hause als bei der Arbeit“, erinnert sich Gerda M. Ihre Ärztin riet ihr, sich Hilfe zu holen. Bereits einen Monat später kam der ambulante Pflegedienst zweimal am Tag zur Unterstützung. „Für mich war die Sicherheit wichtig, dass jemand kommt und guckt, ob alles in Ordnung ist“. Mittlerweile kommt der Pflegedienst dreimal am Tag, schaut nach der Mutter, reicht ein vorbereites Brot oder hilft beim Toilettengang. Damit Martha S. mobil bleibt und an die frische Luft kommt, geht der Pflegedienst mit ihr auch mal spazieren.

Es wird nicht leichter

Aber jede Krankheit, auch wenn es nur eine Erkältung ist, wirft sie immer mehr zurück. So brach sie sich bei einem Sturz vor anderthalb Jahren den Oberarm und musste operiert werden. „Da kam sie von Pflegestufe I in Pflegestufe II“, erzählt Gerda M. „Jetzt hat sie die III.“ Als besonders belastend empfindet die Tochter, mit ansehen zu müssen, wie die eigene Mutter geistig immer mehr verfällt. Gespräche seien unmöglich, die Mutter schaue einfach durch sie hindurch, so Gerda M. „Es ist schwierig zu akzeptieren, dass es nun mal so ist.“ Gerda M. möchte ihre Mutter motivieren und ist sich doch gleichzeitig bewusst, dass sie manchmal zu viel von ihr verlangt. Die realisiert kaum mehr, ob es morgens, mittags oder abends ist. Sie ist sehr in sich gekehrt, spricht kaum und würde einfach den ganzen Tag schlafen, wenn man sie ließe. „Ich will ihr aber doch ein wenig Würde bewahren“, sagt Gerda M. und nimmt sie mit zum Einkaufen. Da scheint die alte Dame zwar wenig wahrzunehmen, aber auf diese Weise kommt sie wenigstens raus und bewegt sich.

Unterstützung ausgedehnt

Mittlerweile geht Martha S. auch zweimal in der Woche in die Tagespflege. „Da ist sie dann mal unter Ihresgleichen. Sie hat ja sonst keinen mehr,“ meint Gerda M. Montags wird dort gesungen und alle Besucher helfen beim Essenmachen, soweit sie können: Kartoffeln schälen, Gemüse putzen, hinterher abtrocknen. Freitags kommt eine Krankengymnastin und macht Bewegungsübungen. Das war Gerda M. aber nicht genug: Sie engagierte privat eine Physiotherapeutin, die einmal wöchentlich zusätzlich Bewegungsübungen mit der Mutter macht – die neben der Demenz auch an Gicht und Rheuma leidet und ein künstliches Hüftgelenk hat. Ebenfalls einmal in der Woche kommt eine Ehrenamtliche, die mit Martha S. Mensch-ärgere-Dich-nicht spielt oder spazieren geht. Wenn es noch schlimmer wird, befürchtet Gerda M., muss sie ihre Mutter vielleicht doch noch in ein Pflegeheim geben. Aber erst einmal denkt sie über weitere Hilfen nach. Das findet Gerda M. überhaupt am wichtigsten: Sich um Hilfe von außen zu kümmern und sie auch zuzulassen. Die Pflegeberatung im SBK-Pflegestützpunkt in Berlin hat ihr dabei geholfen und sie durch den Wirrwarr von Anträgen und Widersprüchen begleitet: Sei es wegen Rentenzuschlägen, die die Pflegekassen pflegenden Angehörigen unter bestimmen Bedingungen zahlen, oder Hygienemitteln, die wegen der stärker werdenden Inkontinenz nötig wurden.

Auszeiten sind selten

Die Belastung durch die Pflege der Mutter hat dennoch Spuren bei Gerda M. hinterlassen. An Weihnachten 2010 quälte die Tochter eine Magen-Darm-Grippe, dann kamen eine Mittelohrentzündung und schließlich ein Hörsturz hinzu. Da sieht Gerda M. einen Zusammenhang: „Ein Hörsturz hat ja meist mit Belastungen zu tun, nicht nur zu Hause, auch in der Firma, wo betriebsbedingte Kündigungen anstehen.“ Alleine würde sie das nicht durchstehen und sie ist froh, dass Mann und Sohn ihr unter die Arme greifen. So kann sie mal für zwei, drei Stunden zu ihrer Freundin fahren. Alleinlassen möchte Gerda M. ihre Mutter nicht. Die wacht nachts manchmal auf, hat Angst und braucht Beruhigung. „Wenn wir nicht da wären, hätte ich keine ruhige Minute.“ Auch eigene Einladungen sind schwieriger geworden. „Nicht jeder akzeptiert, dass da jemand im Kreis sitzt, der nicht reagiert. Manche führen sich peinlich berührt und unwohl.“ Gerda M. musste feststellen, dass ihr Bekanntenkreis geschrumpft ist, seit ihre Mutter bei ihr wohnt.

Helfer auf vier Pfoten

Raum zum Luftholen hat Gerda M. vor allem, wenn sie mit dem Hund spazieren geht. „Dann kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen“. Der über 16 Jahre alte Hund gehört quasi auch zum Pflegeteam. „Wenn meine Mutter aufsteht und ins Wanken kommt, meldet sich der Hund sofort.“ So ist der Vierbeiner eine große Beruhigung für Gerda M.: „Er ist wie ein Bodyguard für sie.“

*Name von der Redaktion geändert.

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