Ein Schlaganfall der Mutter änderte alles im Leben von Bedriye Bicakci (45). Statt ihrer Speditionsfirma bestimmt jetzt die rund um die Uhr pflegebedürftige Mutter ihr Leben.
Einen Termin zum Gespräch zu bekommen, ist schwierig. Denn die Pflege ihrer Mutter ist für Bedriye Bicakci ein Vollzeitjob. Zum Glück scheint ihr das Organisieren zu liegen. Das kam ihr schon zugute, als die furchtbare Nachricht vom Schlaganfall kam. Ihre Eltern waren nach langen Jahren der Arbeit in Deutschland nach Istanbul zurückgekehrt. Eines Nachts ereilte Rabia Sentürk, damals 77 Jahre alt, ein Schlaganfall – so schwer, dass sie in ein Wachkoma fiel. Als die Nachricht ihre Tochter in Berlin erreichte, setzte die sofort alle Hebel in Bewegung, um die Mutter in eine größere Klinik mit Schlaganfallstation zu verlegen. Am selben Tag noch flog sie dann mit ihren zwei Brüdern nach Istanbul.
Dass sie die Pflege der Mutter übernimmt, war für Bedriye Bicakci keine Frage. Die Bindung zu ihrer Mutter war immer eine besondere gewesen. „Sie hat so viel gegeben, jetzt bin ich dran“, meint sie und ergänzt: „Was ich gebe, kommt doppelt zurück.“ Sie hat ihre Berufstätigkeit aufgegeben und pflegt jetzt mit Unterstützung von professionellen Pflegekräften und ihrer ganzen Familie – auch der Vater ist nach Deutschland zurückgekehrt – die Mutter. „Die Wohnung ist mittlerweile fast ein kleines ambulantes Krankenhaus“, erzählt sie. 24 Stunden braucht die Mutter Betreuung, atmet durch eine operativ angelegte Öffnung der Luftröhre nach außen (Tracheostoma) und wird über eine Sonde ernährt.
Seit dem Schlaganfall ist Bedriye Bicakci kaum von ihrer Seite gewichen. Schon in der Klinik beteiligte sie sich an der Pflege und lernte von den Therapeuten. Denn deren Bemühungen sind wichtig, aber eben nur zeitweise möglich. Deshalb steht für sie fest: „Angehörige müssen mit anpacken“. Sie lernte lagern und mobilisieren und der Erfolg lässt sich sehen: Ihre Mutter hat bis heute keine steifen Gelenke oder Druckgeschwüre. Sie kann alleine atmen und ihren Kopf halten. Als die Mutter vor einem Jahr wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus musste und sich auch noch eine Schweinegrippe einfing, machten die Ärzte der Familie wenig Hoffnung. Doch die hörte nicht auf, sich um die Pflege mit zu kümmern. Der Einsatz lohnte sich: Rabia Sentürk erholte sich wieder und kam erneut von der Beatmungsmaschine los.
Fragt man sie, woher sie die Energie nimmt, stutzt Bedriye Bicakci einen Moment. Für sie ist es einfach eine Selbstverständlichkeit, jeden Tag positiv anzugehen. Mit Blick auf ihre Mutter ist sie überzeugt: „Es gibt Wunder. Wir geben die Hoffnung einfach nicht auf. Und Hoffnung ist der größte Reichtum!“