Claudia Neumann im Interview: "Geht zur Vorsorge!"

Die junge Frau plädiert für einen offeneren Umgang mit der Krankheit

Claudia Neumann ist 2015 an Darmkrebs erkrankt, hat sich zurück ins Leben gekämpft, engagiert sich für andere Betroffene und setzt sich für Aufklärung und Früherkennung ein. Letztes Jahr hat sie für ihr besonderes Engagement den Ehrenfelix 2018 der Felix-Burda-Stiftung erhalten und ihn als „Kampfansage“ verstanden. Was ist seit letztem Jahr passiert?

Seit dem 13.05.2018 ist unglaublich viel passiert. Der erste Ansturm der Medien bezog sich auf den Preis und meine Person selbst. Danach nahm die Gesetzesänderung zur Kryokonservierung tatsächlich Form an und so wurde auch hier das Interesse immer größer. Ich bin seither unentwegt zum Thema Kinderwunsch in Interviews und/oder TV, Zeitungen oder habe Internetauftritte. Das ist neben meinem ‚normalen Job‘ als ehrenamtliche Aufgabe eine echte Challenge. Ich muss seither klare Prioritäten setzen und mal eine Creme mehr auftragen, um nicht zu schnell zu gestresst auszusehen.

Bei allem Stress, der seitdem besteht, erfüllt es mich aber mit unglaublich viel Stolz, zu sehen, dass ich elementare Dinge bewegen kann und so hoffentlich vielen Betroffenen in der Zukunft geholfen ist.

Freunde und Familie waren völlig bestürzt. Manchmal wusste ich nicht, ob ich mich zuerst um meine eigene Hilflosigkeit oder um die des Umfeldes kümmern soll. Das ist etwas, was mir hin und wieder auch Kraft geraubt hat. Da gab es Situationen, in denen ich so egoistisch geworden bin, dass ich aus meinem Umfeld dafür nicht immer Applaus geerntet habe. Aber in dieser speziellen existenziell bedrohenden Situation ging es nun mal nur um mich. Ich würde das jederzeit wieder so tun.

Mir geht es heute sehr gut. Ich war erst letzte Woche wieder zur regulären Nachsorge und habe wieder schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass ich immer noch gesund bin :)

Das war ein absoluter Schock. Ich war in der Blüte meines Lebens. In dieser Situation war das ein absoluter Ruck an der Handbremse. Bei voller Fahrt auf der linken Spur, um mit den Worten einer Außendienstlerin zu sprechen. Ich habe, wie nahezu jeder, sofort an den Tod gedacht. Ich wusste im ersten Moment nicht, wie es jetzt weitergehen soll.

Ich denke schon, dass ich intensiver lebe. Enge Freunde sagen, dass ich ruhiger geworden bin. Ich sei nachdenklicher. Mein persönlicher Eindruck ist auch, dass ich sehr egoistisch geworden bin. Ich stelle mich und meine Bedürfnisse heute mehr in den Vordergrund. Natürlich im Rahmen gesellschaftlich anerkannter Werte und Normen, dennoch vergleichsweise kompromisslos. Ich bin heute straighter als vor 4 Jahren.

Niemand konfrontiert sich gern selbst mit dem Tod. Ebenso wenig sprechen Menschen gern über ihre Ausscheidungen. Darmkrebs ist eine Kombination aus beidem. Das will keiner hören. Bis es dann zu spät ist und man nicht mehr nur über seine Ausscheidungen sprechen muss. Dann muss man sich in ungeahnten Dimensionen mit seinem Körper auseinandersetzen.

Geht zur Vorsorge! Darmkrebsvorsorge funktioniert über Körperöffnungen, die beim Gesunden mit Werkseinstellungen geliefert werden! Einfacher geht es nicht!

Ich selbst bewege mich in meinem beruflichen Umfeld in der Schulmedizin und glaube, dass es mir gut gelingt, fachliche Zusammenhänge (soweit ich sie auch verstehe), für den Otto Normalverbraucher verständlich zu machen. Ein offener Umgang (auch mit unangenehmen Themen) ist für mich der einzige Weg, Ängste zu beseitigen und Fragen zu klären/einen offenen Umgang sicherzustellen. Häufig habe ich das Gefühl, dass mein Gegenüber peinlicher von allem berührt ist, als ich selbst.

Ich rate Betroffenen, sich von Rückschlägen nicht klein kriegen zu lassen. Wenn Unsicherheiten bestehen, sollte man sich eine zweite Meinung einholen. Ich finde es wichtig, sich nicht von Dr. Google beraten zu lassen. Für mich persönlich ist es fundamental, IMMER das Gefühl zu haben, die Kontrolle zu bewahren. Ich wollte meiner Erkrankung und meiner Therapie immer einen Schritt voraus sein und hatte immer einen Plan B in der Tasche.

Das Problem an diesem Ansatz ist, dass das einfach eine Größe ist, die nicht messbar ist. Beim Blutbild sieht man, ob z.B. ein Tumormarker sinkt oder steigt. Die Psyche des Menschen ist so individuell und so abhängig von vielen Faktoren, dass sie einfach nicht greifbar ist. Für mich persönlich ist eine gesunde Psyche und Einstellung zur Erkrankung allerdings eine der Grundvoraussetzungen, um solch eine Situation durchzustehen.

Ich denke, es wäre hilfreich, wenn niemand seine Gesundheit für selbstverständlich hält. Außerdem sollte man Vorurteile gegenüber Stomaträgern vermeiden. Das ist nichts wofür man sich schämen muss oder was einen im Alltag in irgendeiner Art und Weise massiv einschränken würde. Die Menschen sollten beginnen, sich auf sich selbst zu besinnen und sich dessen bewusst sein, dass die Hülle, in denen ihr Geist lebt, auch Pflege benötigt und hin und wieder vielleicht mal zur Untersuchung muss.

Jeder Einzelne sollte sich außerdem in der Hinsicht mal mit seiner familiären Belastung auseinandersetzen und beim kleinsten Verdacht zum Arzt gehen und seine Bedenken klar äußern. Bekommt man kein Gehör, sollte man den Arzt wechseln.

Vielen Dank für das Interview, Frau Neumann!