Hilfe, mein Kind wird gemobbt!

Die Mutter einer Betroffenen im Gespräch mit der SBK.

Als ihre Mitschüler anfangen, sie zu mobben, ist Luisa erst neun Jahre alt. Im Interview erzählen ihre Mutter und ihre Therapeutin Beate Landgraf, psychologische Beraterin der Siemens-Betriebskrankenkasse SBK, von systematischer Ausgrenzung und wie man Mobbing effektiv entgegenwirkt.

Interview mit Luisas Mutter

Wann hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Tochter gemobbt wird?

Meine Tochter wollte von mir wissen, ob es in Ordnung ist, dass ihre beste Freundin sie in einer Runde von anderen Kindern körperlich abdrängt – sie sozusagen aus dem Kreis der Umstehenden schiebt. Dann kam plötzlich das deutliche Desinteresse der Schulkameraden: Also zum Beispiel keine Einladungen mehr. Zudem entwickelte Luisa vermehrt körperliche Symptome wie anhaltende Bauchschmerzen, Probleme beim Einschlafen und Appetitlosigkeit. In die Schule zu gehen fiel ihr von Tag zu Tag schwerer.

Wie und wo wurde Ihre Tochter gemobbt?

Angefangen hat es mit Gerede hinter ihrem Rücken. Das fand meist vor dem Unterricht, in der Pause und auf dem Heimweg statt. Keiner durfte sich mehr mit ihr verabreden. Wenn sich ein Freund oder eine Freundin trotzdem mit ihr traf, wurden sie ebenfalls gemobbt. Auf dem Höhepunkt des Mobbings kamen Buh-Rufe, wenn Luisa das Klassenzimmer morgens betreten hat bevor der Lehrer da war.

Wurde sie auch online gemobbt?

Ja, über ICQ (ein Instant-Messaging-Dienst) kam es zu Beschimpfungen und sogar zu anonymen Morddrohungen. Aus dem Gruppen-Chat der Klasse wurde sie ausgeschlossen.

Waren es mehrere Kinder, die Luisa gemobbt haben?

Ja, Luisa wurde vor allem von zwei Kindern, den Anführern, gemobbt. Dazu kamen allerdings viele Mitläufer, die sie über einen Zeitraum von circa neun Monaten schikaniert haben.

Wurde sie auch von Lehrern gemobbt?

Nein, das wurde sie nicht. Aber als sie ihren Lehrer um Hilfe bat, hat dieser gesagt: „Zieh mich in deinen Scheiß nicht mit rein“. Diese Ablehnungshaltung des Lehrers hat den Mobbern dann noch mehr Freiraum für ihre Attacken gegeben.

Wie hat sich das Mobbing auf Ihre Tochter ausgewirkt?

Schlafstörungen, ständige Bauchschmerzen, Immunanfälligkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Appetitlosigkeit und leichte Depressionen waren Folge der Attacken. Und sie wollte nicht mehr in die Schule gehen. Es war nicht leicht, sie täglich dazu zu motivieren.

Haben ihre schulischen Leistungen nachgelassen?

Ja, sehr deutlich sogar. Ihr Notendurchschnitt von 2,1 verschlechterte sich auf 2,8. Das resultierte vor allem aus den vielen Fehlzeiten und dem Mangel an Konzentration. Nach der Therapie und der Aufarbeitung der Vorfälle sind die Leistungen wieder besser geworden.

Wann haben Sie für Ihre Tochter professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Als Luisas Symptome durch ihren Kinderarzt abgeklärt waren und alles auf eine psychologische Ursache hingedeutet hat, hat sie uns von den Vorfällen erzählt. Daraufhin haben wir uns nach verschiedenen Möglichkeiten umgesehen.

Wer hat Ihnen dabei geholfen?

Niemand, wir haben uns selbst über das Thema Mobbing und vor allem über Hilfe bei Mobbing informiert. Anschließend haben wir uns mit Schule, Betreuungslehrer und Therapeut vernetzt.

Wie lange war Luisa in Therapie?

Zehn Sitzungen haben Luisa gereicht, sich gestärkt der Situation anzunehmen und sie hat es geschafft, sich selbst zu helfen – durch die Vernetzung mit Nicht-Tätern und die Konfrontation der Täter mit den in der Therapie erlernten Gesprächsstrategien.

Interview mit Luisas Therapeutin Beate Landgraf, psychologische Beraterin bei der SBK

Ist die Anzahl der Mobbing-Fälle Ihrer Meinung nach gestiegen?

Das Interesse der Medien an diesem Thema hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht und dadurch auch gefühlt das tatsächliche Vorkommen – aber ja: Mobbing hat vor allem an Schulen deutlich zugenommen. Erst in den 90er Jahren wurde die erste Studie zu Vorkommen und Häufigkeit von Mobbing am Arbeitsplatz und in Schulen durchgeführt. 
Nach neuesten Untersuchungen ist jeder neunte Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens von Mobbing-Attacken betroffen. Das gleiche gilt in etwa auch für unsere Schulen, wobei Haupt- und Realschulen leider eine führende Rolle einnehmen und dies vor allem in den Klassen 6 bis 10. Täter und Opfer sind im Übrigen zum Großteil männlich.

Was denken Sie, sind die Auslöser dafür?

In Schulen ist der häufigste Auslöser Überforderung. Auf den Schultern der Kinder lastet viel: das Schulsystem, das von Hierarchien und Anonymität geprägt ist, der Druck der Eltern und eine zunehmend leistungsorientierte Gesellschaft.

Aber auch die Persönlichkeitsentwicklungen im Zuge der Pubertät haben einen Einfluss – auf Täter und Opfer. Aggressives Verhalten ist hier ganz klar als coping strategy, also als Bewältigungsstrategie, zu sehen. Sie tritt dann ein, wenn der Druck von außen zu hoch wird. In wenigen Fällen sind die Mobber auch unterfordert oder gelangweilt. Fehlendes Bewusstsein der Kinder für die Auswirkungen von Mobbing bietet einen weiteren Nährboden. Deshalb braucht es klare Vorgaben und konsistentes Verhalten durch Lehrer und Eltern. Denn auch Lehrer grenzen Schüler teilweise aus und werden so zu einem schlechten Vorbild. Zu 90 Prozent sind Täter und Opfer aus dem gleichen Klassenverbund.

Was zählt ist normales Streitverhalten unter Heranwachsenden und was Mobbing?

Von Mobbing spricht man dann, wenn ein deutliches Kräfteungleichgewicht besteht, die Attacken mindestens einmal pro Woche und über einen längeren Zeitraum, also über Wochen und Monate stattfinden. Außerdem ist bei Mobbing eine Konfliktlösung aus eigener Kraft nicht mehr möglich.

Was sind typische Mobbing-Methoden?

Die Bandbreite an möglichen Mobbing-Attacken ist sehr umfangreich: Beleidigungen, Beschimpfungen, das Verbreiten von Gerüchten, systematisches Erniedrigen, dauerhafte Ausgrenzung, Bedrohung und verbale, körperliche sowie sexuelle Belästigung. Das passiert sowohl persönlich auf dem Pausenhof als auch in SMS, E-Mails und Internetportalen.

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind gemobbt wird?

Verlorene und demolierte Schulsachen sowie fehlendes Taschengeld sind deutliche Hinweise darauf, dass das Kind Opfer von Mobbing ist. Auch das Verhalten des Kindes können Hinweise sein: Wenn es bedrückt, launisch oder aggressiv wirkt und ungewöhnliche Verhaltensweisen, wie sozialer Rückzug bei sonst extrovertierter Persönlichkeit oder Appetitlosigkeit zunehmen. Einladungen zu Geburtstagen oder Verabredungen zum Spielen bleiben bei Mobbing-Opfern oft aus, das Kind ist unsicher und legt weniger Selbstwertgefühl an den Tag. Das Absinken der schulischen Leistungen ist ein weiteres Symptom. Dazu gehört auch eine beginnende Schulangst: Das Kind will morgens nicht mehr in die Schule gehen.

Wie sollten sich Eltern in diesem Fall verhalten?

Eltern müssen eine Atmosphäre des Annehmens und Zuhörens schaffen, vor allem keine Schuldzuweisungen an das Kind richten. In Abstimmung mit dem Kind sollte man sich mit der Schule vernetzen und keinesfalls die Eltern der Mobbing-Täter kontaktieren. Die ersten Lehrergespräche sollten ohne das Kind stattfinden. Sobald es aber darum geht, Entscheidungen über das weitere Vorgehen zu treffen, sollte man das Kind in die Gespräche einbinden.

Was können betroffene Kinder dauerhaft tun?

In einer erfolgreichen Therapie lernen Kinder wie man Mobbing gleich zu Beginn entgegenwirkt und wie man sich verhält, wenn es denn doch passiert. Erst eine Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für das Thema an sich und anschließend der Umgang mit dem Mobber oder dem System, in dem es geschieht. Aus einer guten Therapie gehen die Kinder gestärkt hervor, denn sie haben gelernt, die Kontrolle für sich und für ihre Umgebung zu übernehmen.

Welche Kinder sind am anfälligsten für Mobbing?

Jedes Kind kann zum Mobbing-Opfer werden – das typische Opfer gibt es nicht. Hilft ein Kind beispielsweise nur einem Freund, der gemobbt wird, wird es schnell selbst zum Opfer.

Welche Rolle sollten die Schulen spielen? Wie sollten Lehrer mit dem Problem umgehen?

Vor allem in den unteren Klassen wissen nur wenige Schüler, was Mobbing wirklich ist. Deshalb sollte die Schule klar Stellung beziehen nach dem Motto „Wir geben Mobbing keine Chance“. Dies kann durch gezielte Platzierung des Themas im Unterricht stattfinden: Lehrer erklären den Schülern die typischen Mobbing-Attacken und deren Auswirkungen. Auch Plakate im Schulgebäude helfen, bei den Schülern und Lehrern Bewusstsein für das Thema zu schaffen.

Wie sollten sich Kinder verhalten, wenn sie das Gefühl haben, dass sie gemobbt werden?

Sie sollen sich wehren – mit Ruhe und Gelassenheit. Wenn die „Angreifer“ nicht die erhoffte Reaktion bekommen, wird es den Mobbern schnell langweilig. Hält der Streit lange an und wird immer intensiver, sollte das Kind Eltern und Lehrer informieren, um dem Mobbing gleich zu Beginn entgegen zu wirken. Gemeinsam kann entschieden werden, wie das weitere Vorgehen aussieht. Für das betroffene Kind ist es vor allem wichtig zu wissen, dass es nicht allein ist und Hilfe bekommt. Denn vollkommen eigenständig kann ein Kind Mobbing nicht abwenden. Ein guter Coach oder Therapeut bringt dem Kind spezielle Techniken und Verhaltensweisen bei, wie es auf Mobbing-Attacken reagieren kann.