Umgang mit der Pille danach

pro familia über den rezeptfreien Zugang zur Notfallverhütung.

Seit einiger Zeit gibt es die Pille danach rezeptfrei in der Apotheke. Das Nachfrageverhalten der Frauen hat sich seitdem ganz deutlich verändert. Wie Zahlen der SBK gezeigt haben, gehen immer weniger Frauen in die Frauenarztpraxis, um sich zur Notfallverhütung beraten zu lassen. Sie kaufen lieber direkt in der Apotheke.

Bei pro familia hat sich seit der Einführung der Verschreibungsfreiheit einiges geändert, berichtet Gabrielle Stöcker von pro familia Köln. Nicht nur Frauen oder deren Partner rufen nach einer Verhütungspanne an, sagt die Frauenärztin: „Auch Apotheker setzen sich mit uns in Verbindung, wenn sie unsicher sind, ob sie die Pille danach verkaufen sollen.“

Stöcker freut sich über diese Anrufe, zeigen sie doch, dass die Apotheker es mit der Beratung ernst meinen und im Zweifel lieber nachfragen. Inzwischen würden sich Apotheker nicht mehr so oft melden. „Für mich ein Zeichen, dass es weniger Unsicherheiten gibt.“ 

Früher haben Stöcker und ihre Kolleginnen selbst Rezepte für die Pille danach ausgestellt. Das entfalle jetzt weitgehend. „Deshalb erscheinen diese Fälle nicht mehr in unserer Statistik – aber das ist auch gut so, wir haben ja jahrelang für die Freigabe der Pille danach gekämpft.“

Auch wenn pro familia das wichtigste Ziel erreicht hat – für die Minderjährigen ist es oft immer noch schwierig. „Gesetzlich versicherte Frauen unter 20 bekommen die Pille danach nur kostenlos, wenn sie ein ärztliches Rezept haben. Das ist gerade auf dem Land ein Problem.“ Denn schließlich soll man die Tablette möglichst schnell nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr einnehmen. Wenn aber der nächste Arzt zig Kilometer entfernt ist oder der Unfall am Wochenende passiert ist, wird dies schwierig. Und gerade junge Frauen haben oft wenig Geld. Die Pille danach kostet je nach Präparat zwischen 15 und knapp 30 Euro. Gabrielle Stöcker: „Manche Apotheker nehmen auch höhere Preise im Sinne von indirekten Beratungsgebühren.“

Gabrielle Stöcker ist Frauenärztin und Sprecherin des Medizinischen Arbeitskreises pro familia NRW

Unter 16-Jährige werden oft zum Arzt geschickt

Gerade für Minderjährige kann es auch in der Apotheke schwierig werden, berichtet Gabrielle Stöcker. „Viele Apotheker tun sich schwer damit, die Pille danach an Mädchen unter 16 abzugeben und schicken sie erst einmal zum Frauenarzt.“ Die Regelung sei hier nicht so eindeutig: Geschlechtsverkehr ist zwar laut Gesetz nur für unter 14-Jährige verboten. Doch ob der Apotheker einem jungen Mädchen die Pille danach wirklich in die Hand gibt, hängt von seiner Einschätzung ab. Stöcker: „Er verschafft sich einen Eindruck: Wie einsichtig und verantwortungsbewusst ist mein Gegenüber?“

Keine leichtsinnige Generation

Es ärgert die Fachfrau, wenn jungen Frauen unterstellt wird, sie würden nicht verhüten. Das typische Bild in der Beratung sei: Mädchen nehmen die Pille, doch diese ist in einer bestimmten Situation nicht wirksam – etwa weil die Frau Antibiotika genommen oder einmal die Pille vergessen hat. „Und so oft platzt das Kondom beim Sex – das passiert eben einfach. Wir sind doch alle nur Menschen.“ Absolut unzutreffend sei es, das Bild einer sexuell fahrlässigen Generation zu zeichnen. 

Ärzte sollten Verhütungs-Wissen in einer ruhigen Minute vermitteln

Gar nicht oft genug könne man betonen, sagt Stöcker, wie wichtig Aufklärung ist. „Die Frauenärzte sollten ihre Patientinnen in einer ruhigen Minute über Verhütung, Fruchtbarkeit und auch über die Pille danach informieren – damit sie im Notfall wissen, was zu tun ist.“ Das passiere immer noch zu selten. Die Schwangerschaftskonfliktberatung bei pro familia zeige: „Viele Frauen, die ungewollt schwanger sind, haben noch nie etwas von der Pille danach, geschweige denn von der Rezeptfreiheit gehört. Oder sie haben ihr Schwangerschaftsrisiko falsch eingeschätzt.“ Hier sei gute Aufklärungsarbeit weiterhin unerlässlich. Stöcker: „Die Frauen, die sich die Pille danach besorgen, haben ja Kenntnis davon und sind sich der Verhütungspanne bewusst. Es geht darum, die anderen zu erreichen und der Pille danach ihren Ruf als gefährliches Medikament zu nehmen. Sie ist in der Notsituation einer Verhütungspanne eine verantwortungsbewusste Maßnahme.“

Abtreibung auch aus Geldnot

Wissenschaftlich nicht begründet findet Gabrielle Stöcker den Zusammenhang, den der Berufsverband der Frauenärzte zwischen gestiegenen Abtreibungszahlen und der Freigabe der Pille danach herstellt. „Es ist zu früh, um solche Zusammenhänge herzustellen.“ Wenn man sich die Zahlen genau anschaue, würden die Schwangerschaftsabbrüche erst seit Mitte 2015 im Vergleich zu 2014 steigen. „Insgesamt übers Jahr betrachtet, hat die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche abgenommen.“ In den vergangenen Jahren habe es immer wieder statistische Sprünge gegeben. Stöcker nennt einen anderen möglichen Grund für den jetzigen Anstieg, der allerdings genauso wenig belegbar sei: „Ab Mitte letzten Jahres sind viele geflohene Frauen im gebärfähigen Alter zu uns gekommen.“ Aus Geldnot, Unwissen oder wegen Zugangsbarrieren zum Gesundheitswesen würden diese oft auf sichere Verhütungsmittel verzichten – genau wie hier ansässige Frauen in finanziell schwierigen Verhältnissen. „Durch kostenlose Verhütung könnte sicherlich der eine oder andere Abbruch verhindert werden.“

Was ist pro familia?

Die Organisation pro familia berät in allen Fragen zu Sexualität, Schwangerschaft, Partnerschaft und Familienplanung. In den 180 Beratungsstellen arbeiten Teams aus Sozial- und Sexualpädagogen, Ärzten und Psychologen. Pro familia bietet auch die sogenannte Schwangerschaftskonfliktberatung an. Mehr Informationen dazu: www.profamilia.de

Wenn Sie weitere Fragen rund um das Thema Verhütung haben, dann können Sie sich auch an unser SBK-Gesundheitstelefon oder Ihren persönlichen Kundenberater wenden.