Rezeptfrei: die Pille danach

Das Medikament gibt es nun direkt in der Apotheke – was hat sich verändert?

Seit einiger Zeit gibt es die Pille danach in Deutschland rezeptfrei in der Apotheke. Hat sich seither etwas im Nachfrageverhalten der Frauen verändert? Oh ja, ganz deutlich! Zahlen der SBK zeigen: Frauen gehen sehr viel seltener zum Frauenarzt, um sich die Notfallverhütung verschreiben zu lassen. Sie kaufen sie lieber direkt in der Apotheke.

Seit dem Ende der Rezeptpflicht bekamen SBK-Versicherte von ihren Frauenärzten 636 Mal ein Rezept für die Pille danach. Im Jahr 2014 war das Medikament noch 1.336 Mal verschrieben worden. Auch in den Vorjahren lag die Zahl konstant bei dieser Größenordnung.

Wie die SBK-Zahlen weiter zeigen, ist das Verhütungsmittel für die große Mehrheit der Frauen ein Notfallmedikament. Im vergangenen Jahr griffen über 90 Prozent der Versicherten nur einmal zu der Pille. Nur 55 Versicherte ließen sich das Verhütungsmittel mehr als einmal verschreiben, 51 davon nahmen es zweimal im Jahr 2015 ein.

Doch wie bewerten Ärzte die Entwicklung? Gynäkologenverbände hatten vor der Freigabe der Pille danach gewarnt. Dazu äußert sich Dr. Christian Albring, Vorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt, im Interview.

Was ist die Pille danach?

Nach einer Verhütungspanne kann die Pille danach eine ungewollte Schwangerschaft verhindern. Das ist ein Medikament auf Hormonbasis, das den Eisprung verzögert. Denn nur wenn ein Eisprung stattfindet, kann die Eizelle befruchtet werden.

Je früher nach dem ungeschützten Sex eine Frau die Pille einnimmt, desto wirksamer ist sie. Am besten innerhalb von 12 Stunden, denn danach lässt die Wirkung allmählich nach. Es gibt verschiedene Wirkstoffe: Levonorgestrel oder Ulipristal. Präparate auf Levonorgestrel-Basis sind für die Einnahme bis maximal 72 Stunden (drei Tage) nach dem Geschlechtsverkehr geeignet. Bei Ulipristal-Präparaten kann auch die Einnahme 120 Stunden (fünf Tage) später noch helfen.

Weitere Informationen zur Pille danach gibt es beispielsweise auf den Seiten von profamilia.

Kommen seit Einführung der Verschreibungsfreiheit weniger Frauen zu Ihnen, um sich die Pille danach zu holen?

Dr. Christian Albring: Ja, die Zahl der Frauen, die noch in die Frauenarztpraxis kommen, um sich zur Notfallverhütung beraten zu lassen, ist spürbar zurückgegangen. Leider kommen auch viel weniger junge Frauen. Die meisten wissen nicht, dass sie das Arzneimittel bis 20 Jahre - ebenso wie die normale Verhütung - auf Kassenrezept bekommen. Wenn sie direkt in die Apotheke gehen ohne Kassenrezept, dann müssen sie das teure Arzneimittel bezahlen.

Welches Alter haben Frauen, die die Pille danach wünschen?

Das geht über alle Altersgruppen vom jungen Mädchen bis in die Zeit kurz vor den Wechseljahren.

Es gibt Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die besagen: 50 Prozent der Frauen, die nach einer Notfallverhütung fragen, brauchen gar nicht die Pille danach. Wie kann das sein?

Dr. Christian Albring: Die Pille danach kann einen Eisprung verschieben, der in der näheren Zukunft bevorsteht. Mehr kann sie nicht. Wenn also der Eisprung schon stattgefunden hat, ist die Einnahme des Arzneimittels nicht notwendig, und wenn weit und breit kein Eisprung in Sicht ist, dann ist die Einnahme auch nicht notwendig. Auch wenn die Zeitspanne von der Einnahme des Arzneimittels bis zum Eisprung zu kurz ist, kann das Arzneimittel nicht wirken. Dabei müssen so viele Aspekte beachtet werden, das kann der Apotheker nicht entscheiden. Deshalb wird er sicherheitshalber lieber ein Arzneimittel abgeben, obwohl es vielleicht gar nicht notwendig wäre.

Aus Sicht der Frauen gilt vielleicht: "Im Zweifelsfall besser einmal zu viel die Pille danach nehmen als einmal zu wenig – trotz der Nebenwirkungen“?

Ja, das ist natürlich im Zweifelsfall richtig, wenn es nicht möglich ist, eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt zu fragen. Leider ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche seit der Rezeptfreigabe nicht weiter gesunken wie all die Jahre vorher, sondern gestiegen. Wichtig ist ja, dass die Pille danach nur für dieses eine Mal vor einer Schwangerschaft schützen kann. Die Frau darf nicht glauben, dass sie nun für den Rest des Zyklus geschützt sei. Das Gegenteil ist der Fall: Der Eisprung wird ja nur verschoben, und außerdem ist für den Rest des Zyklus die Pille nicht mehr wirksam – zumindest, wenn die Ulipristal-haltige Pille  danach (EllaOne) eingenommen wurde. Die Mädchen und Frauen müssen also bis zur nächsten Menstruation unbedingt mit Barrieremethoden wie Kondom oder Diaphragma verhüten. Und wenn der ungeschützte Sex schon einige Tage zurückliegt, dann ist die Pille danach ohnehin so gut wie wirkungslos. Dann sollte gleich von der Frauenärztin oder dem Frauenarzt eine Kupferspirale gelegt werden, um eine Schwangerschaft vielleicht im letzten Moment noch zu verhindern.

Gilt das auch für die Pille danach auf Basis von Levonorgestrel (LNG)?

Wenn es sich um einen Pillenfehler gehandelt hat, dann können die Frauen nach einer Einnahme von LNG (PiDaNa, Postinor, Unofem) einfach ihre Pille weiter nehmen und sind dann geschützt.

Glauben Sie, dass die Verschreibungsfreiheit zu mehr ungeschütztem Sex führt?

Das wissen wir nicht. Die Pille danach hat ja oft auch ungefährliche, aber unangenehme Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen. Keine Frau, die das schon einmal durchgemacht hat, wird die Pille danach als Dauerverhütung einsetzen wollen, zumal das auch deutlich teurer wäre als jede andere Form der Verhütung.

Was empfehlen Sie Frauen nach einer Verhütungspanne?

Wenn irgend möglich zum Frauenarzt oder zu einem frauenärztlichen Bereitschaftsdienst zu gehen. Dort kann dann festgestellt werden, ob eine Notfallverhütung notwendig ist und welche der drei Varianten die am besten geeignete ist. Denn wir haben ja zwei unterschiedliche Arzneimittel und auch noch die Kupferspirale mit der höchsten Sicherheit und Zuverlässigkeit, die aber natürlich nicht in der Apotheke gelegt werden kann, sondern nur vom Frauenarzt.

Wie sähe aus Ihrer Sicht die ideale Lösung aus? Wieder zurück zur Verschreibungspflicht?

Die für die Mädchen und Frauen ideale Lösung wäre es, wenn die Notfallverhütung eine Sonderregelung bekäme wie viele andere Notfallmedikamente auch, die vom Bereitschaftsarzt verwendet bzw. abgegeben werden dürfen ohne den Umweg über die Apotheke. Wir haben dem Bundesgesundheitsminister dieses Modell vorgeschlagen, aber er hat das abgelehnt.

Wenn Sie weitere Fragen rund um das Thema Verhütung haben, dann können Sie sich auch an unser SBK-Gesundheitstelefon oder Ihren persönlichen Kundenberater wenden.