Risikofaktor Anti-Baby-Pille?

Dr. Christian Albring klärt über die Arznei auf.

Millionenfach angewendet, gerät die Anti-Baby-Pille doch immer wieder in die Schlagzeilen. Nicht nur wegen ihrer Nebenwirkungen. Einige Präparate sollen verantwortlich sein für gefährliche Blutgerinnsel. Was ist da dran? Wir haben Dr. Christian Albring gefragt. Er ist Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF) und praktiziert als niedergelassener Gynäkologe in Hannover.

Trotz Weiterentwicklung müssen Patientinnen bei der Anti-Baby-Pille noch mit Nebenwirkungen rechnen. Welche Nebenwirkungen haben moderne Präparate?

Dr. Christian Albring: Das kommt ganz darauf an, welche Hormone in diesen Pillen verwendet werden. Es gibt moderne Pillen, in denen nicht mehr das klassische, synthetische Östrogen verwendet wird, sondern in Kombination mit einem neueren Gestagen das natürliche Östrogen.Bei diesen Kombi-Präparaten steigt möglicherweise das Thromboserisiko weniger stark als bei Verwendung des synthetischen Östrogens. Wir hoffen, dass die Studien dazu bald abgeschlossen werden.

Bei der ersten Generation war die Kombinationen aus Gestagenen und Östrogenen teilweise unausgewogen und bei manchen Frauen kam es zu häufigen Zwischenblutungen. Zudem musste damals das Östrogen noch viel höher dosiert werden als heute. Manche Gestagene sind außerdem den männlichen Hormonen im Aufbau ähnlich. Das heißt, sie können Akne verstärken und den Haarwuchs auf dem Körper. Dagegen wird die Kopfbehaarung manchmal dünner.

Bei vielen der neueren Gestagene ist das aber nicht mehr der Fall. Bei neueren Präparaten treten auch viel seltener Zwischenblutungen auf und seltener die Östrogen-typischen Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Spannen der Brust.

Dann macht sich der Fortschritt in der Produktion von Arzneimitteln tatsächlich für die Frauen bezahlt?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben heute aber so unterschiedliche Pillen zur Verfügung, dass es sehr viel besser möglich ist als früher, ein individuell geeignetes Konzept zu finden.

Mögliche Effekte von Kombi-Pillen sind zum Beispiel Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Veränderungen ihrer Libido. Einige Pillen mit betont "anti-männlichen" Gestagenen können zu einem Abflachen der sexuellen Erregbarkeit führen. Auf der anderen Seite werden diese Medikamente manchmal gebraucht, um eine männlich betonte Hormonlage mit Akne, starkem Körperhaarwuchs und Störungen der Funktion der Eierstöcke zu behandeln.

Gibt es Nebenwirkungen, die speziell den Östrogenen zugeordnet werden können?

Ja, definitiv. Die synthetischen Östrogene sind die Hauptverantwortlichen für das erhöhte Thromboserisiko. Deshalb sollten sie in einem Pillenpräparat so niedrig wie möglich dosiert sein.

Und bei allen Präparaten, die Östrogene enthalten, kann es in der Pillenpause in seltenen Fällen zu Kopfschmerzen und Migräne kommen. Vor allem auch dann, wenn vorher bereits eine Migräne bestanden hat. Man kann dann überlegen, in der Pause ebenfalls leicht dosierte Östrogene weiterzugeben. Oder ich verschreibe eine andere Pille mit weniger Östrogen. Weitere mögliche Alternativen sind die Minipille ohne Östrogene oder ein Langzyklus. Langzyklus heißt, dass die Frau nach der 21-tägigen Einnahme der Pille auf die siebentägige Pause verzichtet und die Pille über mehrere Monate ohne Unterbrechung weiternimmt. Dann fällt der Hormonspiegel nicht ab, es gibt keine Blutung. Wie lange so ein Langzyklus höchstens dauern sollte, bespricht die Patientin mit ihrem Arzt. Östrogene können auch andere Beschwerden verursachen wie Wassereinlagerungen, Gewichtszunahme und Spannen der Brüste.

Wie häufig treten Ihrer Erfahrung nach Nebenwirkungen auf?

Man muss hier unterscheiden zwischen wissenschaftlichen Studien und dem, was wir Frauenärzte erfahren. In Studien werden Frauen oft anhand von langen Listen befragt, welche Nebenwirkungen sie an sich beobachtet haben. Wenn man Nebenwirkungen aktiv abfragt, dann werden sie auch häufiger genannt. Zum Beispiel die Frage nach Kopfschmerz, Übelkeit, Stimmungsschwankungen: Da würde sich wohl jeder in den letzten Wochen an Episoden erinnern. In der Frauenarztpraxis berichten uns aber nur diejenigen Frauen, bei denen die Nebenwirkungen so unangenehm sind, dass sie zum Problem werden. Es gibt Statistiken der Krankenkassen dazu, wenn die Frauen dann die Verhütungsmethode ändern. Eine solche Statistik für Mädchen und Frauen bis 20 Jahre hat kürzlich gezeigt, dass jedes Jahr etwa eine von 20 Frauen das Pillenpräparat wechselt. Man kann wohl davon ausgehen, dass in den meisten Fällen unerwünschte Nebenwirkungen der Hauptgrund für diesen Wechsel sind.

Woran erkenne ich, dass ein gesundheitliches Problem mit der Pille zusammenhängt?

Wenn ein Zusammenhang naheliegt, und wenn keine anderen Ursachen greifbar sind. Um das mal an ein paar Beispielen zu verdeutlichen: Eine Frau nimmt seit Jahren immer die gleiche Pille, auf einmal treten Kopfschmerzen auf. Dann wird man die Pille nicht dafür verantwortlich machen, sondern muss unbedingt nach anderen Ursachen suchen.

Eine andere Frau nimmt seit kurzer Zeit die Pille. Plötzlich hat sie Gelenkschmerzen. Auch dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Schmerzen von der Pille kommen, denn solche Nebenwirkungen sind von Pillen nicht bekannt.

Erst in dem folgenden dritten Fall fällt der Verdacht auf die Pille: Wenn eine Frau das Präparat seit einer oder zwei Wochen nimmt und Kopfschmerzen bekommt – obwohl sie nicht raucht, keinen Alkohol trinkt, keinen Stress hat, genug schläft. Ich würde dann entweder ein Präparat mit anderen Inhaltsstoffen geben oder mit ihr zusammen eine andere Verhütungsmethode auswählen. Wenn dann die Kopfschmerzen wieder weggehen, hat sich der Verdacht bestätigt.

Wie alt sind Frauen, die zu Ihnen kommen mit dem Wunsch, sich die Pille verschreiben zu lassen?

Ich führe darüber in meiner Praxis keine Statistik, aber es gibt Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2015: Danach haben über 80 Prozent der Mädchen in Deutschland bis zu ihrem 18. Lebensjahr ihre ersten sexuellen Kontakte. Die Hälfte von ihnen verwendet bereits beim ersten Mal die Pille, und die Quote steigt nach einigen Monaten auf 80 Prozent. Die Pillenverwendung sinkt dann mit Mitte, Ende 20 ab, weil das die Phase der Familienplanung ist. Nach der Geburt der Kinder wird dann die Verhütung fortgesetzt, oft mit der Pille, manchmal auch mit anderen Methoden wie Spirale oder Verhütungsring.

Gibt es für unterschiedliche Altersgruppen verschiedene Risiken?

Das Thromboserisiko steigt mit zunehmendem Alter deutlich an. Auf der anderen Seite lassen die Akne-Neigung und hormonelle Imbalancen, also ein Ungleichgewicht, nach. Später vertragen Frauen die Pillen besser, die bei jüngeren Frauen häufiger Akne verstärken.

Viele Frauen lassen sich die Pille bereits in jungen Jahren verschreiben und nehmen sie über Jahre und Jahrzehnte ein, bis sie sie aufgrund eines Kinderwunsches absetzen. Wie beeinflusst die langjährige Einnahme die Fruchtbarkeit?

Gar nicht. Die Fruchtbarkeit nimmt nur einfach mit steigendem Alter ab. Und wenn eine Frau durchgehend bis zum 35. Lebensjahr die Pille verwendet hat und dann absetzt, dann hat sie die natürliche, bereits herabgesetzte Fruchtbarkeit einer gesunden 35-jährigen Frau.

Kann die Pille auch in der Stillzeit eingenommen werden?

Nur Pillen, deren Bestandteile nicht in die Muttermilch übergehen und die die Milchbildung nicht beeinflussen. Also keine Pillen, die Östrogene enthalten. Es kommen daher nur reine Gestagen-Präparate in Frage. Eine Alternative dazu ist eine Kupfer- oder Hormonspirale. Sie kann gelegt werden, wenn die Rückbildung der Gebärmutter sicher abgeschlossen ist.

Wann raten Sie aus gesundheitlichen Gründen von der Pille ab?

Wenn eine Frau starkes Übergewicht hat, raucht, über 35 Jahre ist, vielleicht auch einen Diabetes hat, und wenn sie selbst oder andere Familienmitglieder bereits eine Thrombose erlitten haben. Denn dann bringt sie so erhebliche Thromboserisiken mit, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel von der Verordnung einer kombinierten hormonellen Verhütung abrät - und zwar dann, wenn bereits zwei dieser Faktoren zusammenkommen. Dann kommen eigentlich nur noch reine Gestagen-Präparate und nichthormonelle Methoden in Frage. Jede Frau sollte vor allem zu Beginn der Pilleneinnahme auf Frühzeichen einer Thrombose achten.

Werden Thrombosen in der Frauenarztpraxis häufig diagnostiziert?

Mit den Symptomen einer Thrombose - zum Beispiel Schmerzen und Schwellungen in der Wade - oder einer Lungenembolie - zunehmende Atemnot, schnelle Erschöpfbarkeit - kommen die jungen Frauen ja meist nicht zum Frauenarzt, sondern gehen zu ihrem Hausarzt oder direkt in die Klinik. Dort wird dann die normale Thrombose-Diagnostik durchgeführt, ganz gleich ob die Frau hormonell verhütet hat oder nicht. Neben der Pille gibt es ja noch eine ganze Reihe anderer möglicher Risikofaktoren: ob die Frau raucht, ob Thrombosen oder Lungenembolien in der Familie vorkommen, ob sie Migräne oder Übergewicht hat, ob sie gerade eine Operation, eine schwere Infektion oder eine längere Bettlägerigkeit hinter sich hat.

Was sind die Frühzeichen einer Thrombose?

Eine Thrombose ist ein Blutgerinnsel in den Venen. Wenn eine Vene verstopft ist, entzünden sich die Gefäßwände und es gibt einen dauerhaften, dumpfen Schmerz an dieser Stelle. Das kann im Bein passieren, aber auch im Unterarm. Das Gewebe darunter schwillt ganz allmählich an, wird wärmer. Manche Patienten sagen, dass sie richtig den Verlauf der entzündeten Vene spüren können. Wenn sich Gerinnsel losreißen, dann werden sie durch den Körper gespült und bleiben irgendwo stecken, wo sie wiederum ein Gefäß verschließen. Das ist dann eine Embolie.

Was gibt es sonst noch für Gründe, von der Pille abzuraten?

Wenn Zweifel daran bestehen, ob ein Mädchen oder eine Frau die Pille wirklich täglich regelmäßig nimmt. Denn "Aussetzer" führen dazu, dass auch die verhütende Wirkung aussetzt. Schwierig wird es zum Beispiel bei Schichtdienst, wenn man den Erinnerungs-Alarm nicht täglich auf dieselbe Zeit stellen kann. Oder wenn man oft an wechselnden Orten übernachtet – dann muss man immer daran denken, die Pille mitzunehmen. Selbst sehr sorgfältige und gewissenhafte Frauen vergessen ab und zu die Einnahme. Dennoch: Auch wenn man dazu neigt, öfter mal etwas zu vergessen, ist vielleicht eine andere Form der Verhütung besser.

Die Pille ist auch heute noch für viele Frauen die erste Wahl. Welche anderen Verhütungsmethoden machen ihr Konkurrenz?

Das zuverlässigste Verhütungsmittel ist die Hormonspirale, die übrigens östrogenfrei ist und deshalb nur ein sehr geringes Thromboserisiko hat. Allerdings kommen nicht alle Mädchen und Frauen mit der Spirale zurecht. So zuverlässig wie hormonelle Verhütung ist sonst nur die Sterilisation. Barrieremethoden wie Kondom und Diaphragma haben doch eine ziemlich hohe Versagerquote – genau wie die natürliche Verhütung mit Temperaturmessung und Hormonmessung. Wenn eine Frau hormonell verhüten will, kommen neben der Pille auch der Verhütungsring oder das Verhütungspflaster in Frage, beide ebenfalls eine Kombination aus Östrogen und Gestagen. Auch sie können aber – vor allem bei Gefährdeten ­– das Thromboserisiko erhöhen. Oder die Frau verwendet eine Kupferspirale, bei der Ionen in die Gebärmutterhöhle abgegeben werden. Seltener eingesetzt werden Verhütungsstäbchen und -spritzen.

Wenn Sie weitere Fragen rund um das Thema Verhütung haben, dann können Sie sich auch an unser SBK-Gesundheitstelefon oder Ihren persönlichen Kundenberater wenden.