Pflege geht alle an

Expertenrunde "Pflegende Angehörige" auf dem Kongress Pflege 2016

„Wir wollen einen aktiven Austausch aller an der Pflege Beteiligten ermöglichen“, sagt Mathias Sebesse, Regionalgeschäftsführer der SBK. Dafür hat die Siemens-Betriebskrankenkasse die Expertenrunde „Pflegende Angehörige“ auf dem Berliner Kongress Pflege 2016 initiiert. Der Bedarf ist groß: Immerhin werden 71 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Die meisten davon durch Angehörige. Groß ist auch der Andrang: Etwa 300 Gäste besuchen die Vortragsreihe mit anschließender Podiumsdiskussion im Berliner Maritim proArte Hote.

Neue Perspektiven durch das Pflegestärkungsgesetz II

„Pflegebedürftigkeit wird durch das Pflegestärkungsgesetz II ganz neu definiert“, sagt Daniel Fuchs, Referent Pflege beim BKK Dachverband. „Aus den bisherigen drei Pflegestufen werden nun fünf Pflegegrade.“ Zudem werden bisher vernachlässigte kognitive Beeinträchtigungen, körperlichen Einschränkungen in Zukunft gleichgestellt. „Dadurch ergeben sich neue Perspektiven“, meint Fuchs. „Wichtig ist von nun an der Grad der Selbstständigkeit.“ Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) prüft nun unterschiedlich gewichtete Module wie Mobilität, Selbstversorgung, kommunikative Fähigkeiten und den Umgang mit Krankheiten. „Dadurch ergibt sich eine Besonderheit für den Pflegegrad 1. Personen, die bisher in keiner Pflegestufe waren, könnten hier berücksichtigt werden.“ Die Überleitung der Pflegestufen in Pflegegrade erfolgt dabei automatisch. „Es muss kein neuer Antrag gestellt werden und eine erneute Begutachtung ist ebenfalls nicht nötig“, sagt Fuchs. 

Pflegende Angehörige profitieren von der Gesetzesänderung: „Die Pflegeversicherung zahlt Rentenbeiträge für alle, die einen Pflegebedürftigen im Grad 2 bis 5 mindestens zehn Stunden wöchentlich, verteilt auf mindestens zwei Tage, zu Hause pflegen“, erläutert der Experte. Angehörige, die aus dem Beruf aussteigen, um sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern, werden ebenfalls unterstützt: „Die Pflegeversicherung bezahlt künftig die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung für die gesamte Dauer der Pflegetätigkeit.“ Wirksam werden diese Änderungen 2017.

Vortrag von Daniel Fuchs (PDF, 565 KB)

Sterben ist kein Tabuthema mehr

Elimar Brandt von der PflegeZukunfts-Initiative knüpft weitere Hoffnungen an die Gesetzesänderungen: „Ab dem 1. April 2016 müssen die gesetzlichen Krankenkassen die Hospize mehr unterstützen. Zusätzlich sollten in Zukunft Hospizkultur und Palliativkompetenz direkt in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser eingebunden werden.“ Das Sterben wieder in das Leben integrieren – das ist in Deutschland noch nicht flächendeckend Realität. Zwar habe sich die palliative Versorgung in Deutschland seit 1996 verdreifacht, erklärt Brandt. Doch noch immer sterben rund Dreiviertel in Krankenhäusern und Pflegeheimen.

Vortrag von Elimar Brandt (PDF, 375 KB)

„Hospize haben ihren festen Platz in der stationären Versorgung gefunden“ - Elimar Brandt von der PflegeZukunfts-Initiative

Beratungsangebote für pflegende Angehörige nutzen

Vor allem bei einem plötzlich eintretenden Pflegefall sind in erster Linie die Angehörigen gefragt: „75 Prozent unserer Kunden sind pflegende Angehörige“, sagte Katharina Graffmann-Weschke, Leiterin der Berliner Pflegestützpunkte. „Unsere Pflege- und Sozialberater sind gut vernetzt und stellen Kontakte zu Pflegediensten, Hospizen und Wohnungsbaugenossenschaften her“, sagte sie. 40.000 Kunden suchen pro Jahr die 35 Pflegestützpunkte in Berlin auf. „Wir beraten aktiv unter anderem in Sachen Wohnraumanpassung, Haushaltsführung, betreutes Wohnen und pflegerische Versorgung“, sagte Graffmann-Weschke.

Vortrag von Dr. Katharina Graffmann-Weschke (PDF, 874 KB)

Informationen sind das A und O

Wie wichtig eine umfassende Beratung ist, zeigen auch die Erfahrungen aus dem Pflegealltag von Gabriela Röseler. Sie pflegt seit 18 Jahren eine benachbarte Familie. „Ohne Durchsetzungsvermögen und das nötige Knowhow sind pflegende Angehörige aufgeschmissen“, sagte sie. „Die SBK hat mir stets dabei geholfen, die bestmögliche Unterstützung für meine Pflegebedürftigen umzusetzen.“

Wie wichtig Informationen sind, wird auch in der abschließenden Diskussionsrunde auf dem Kongress Pflege 2016 klar. Hier können Gabriele Röseler und Didar Dündar-Gözalan, Teamleiterin Pflegeversicherung bei der SBK, mit praxisnahen Tipps punkten. Um Kosten zu sparen, rät Röseler beispielsweise, die Module des ambulanten Pflegedienstes intensiv zu prüfen: „Schauen Sie sich die Abrechnung genau an, kein Mensch braucht drei Mal am Tag eine Rückenwäsche“, sagt sie. Generell ruft sie dazu auf, sich frühzeitig mit dem Thema Pflege auseinanderzusetzen: „Das ist im Hinblick auf Wohnraumanpassungen wichtig. Bei einer plötzlich eintretenden Pflegebedürftigkeit ist es schwer, von heute auf morgen die Türen zu verbreitern. Kümmern Sie sich frühzeitig darum, vorhandene Schwellen und Barrieren zu beseitigen.“ Gleiches gilt für die rechtliche Vorsorge: „Solange Sie gesund sind, sollten Sie eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung verfassen, um die gewünschte Betreuung festzulegen“, sagt Dündar-Gözalan. Auf die Frage nach Entlastungsmöglichkeiten rät Dündar-Gözalan: „Es ist niemandem damit geholfen, wenn Sie selbst krank werden und an der Pflege zugrunde. Nehmen Sie sich eine Auszeit, wann immer es Ihnen möglich ist. Als pflegender Angehöriger können Sie sich beispielsweise durch eine Kurzzeit- und Verhinderungspflege eine kleine Verschnaufpause verschaffen“. Deshalb ihr Appel: „Nutzen Sie die vorhandenen Beratungsangebote der SBK und der Pflegestützpunkte stärker.“