Brustkrebs rechtzeitig ertasten

Andrea Windbichler erkennt als Blinde frühzeitig Anomalien in der Brust.

Andrea Windbichler arbeitet als Medizinische Tastuntersucherin. Mit ihrem gut ausgeprägten Tastsinn kann sie als Blinde Anomalien in der Brust in frühesten Stadien erkennen. Bei Brustkrebs ist das entscheidend: Je früher er behandelt wird, desto besser stehen die Heilungschancen. In über fünf Jahren, in denen sie praktiziert, hat Windbichler schon viel erlebt. Hier erzählt sie von ihrer Ausbildung, wie sie zu der anspruchsvollen Tätigkeit gekommen ist und was ihr täglich aufs Neue Motivation verleiht.

Als ich zum ersten Mal von discovering hands® gehört habe, war ich gleich Feuer und Flamme. Ich habe gerade meinen Blindenhund bekommen und die Hundeführerausbildung absolviert, und da erzählte der Ausbilder von dem Potenzial, das blinde Tastuntersucherinnen für die Brustkrebsvorsorge haben. Später habe ich dann auch in den Medien davon gehört – und habe beschlossen, mich zu bewerben. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade auf der Suche nach einer neuen Anstellung und hatte schon immer davon geträumt, beruflich mit Menschen zu arbeiten.

Bislang war ich als Schreibkraft und Telefonistin tätig gewesen und wollte mich verändern. Für die Ausbildung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) muss man zunächst ein Assessment Center durchlaufen. 

Das dauert eine ganze Woche und hat es in sich. Die Bewerberinnen werden nicht nur auf fachlichen Fähigkeiten, sondern auch auf soziale Kompetenzen geprüft.

Schließlich muss eine MTU sehr einfühlsam auf die Ängste und Sorgen der Patientinnen eingehen, gleichzeitig aber auch medizinische Zusammenhänge verstehen und „Papierkram“ erledigen können, zum Beispiel Briefe für den Arzt schreiben. Nachdem ich diese Hürde gemeistert hatte, ließ ich mich neun Monate lang schulen. Von Computerfähigkeiten über medizinisches Fachwissen bis hin zu Kommunikationstraining – die Ausbildung ist sehr umfangreich und vielseitig. Das ist auch gut so, denn der Job als MTU ist anspruchsvoll.

"MTUs wie ich können Gewebeveränderungen und Anomalien in der Brust von unter 1 cm Größe ertasten."

Der kleinste Knoten, der jemals ertastet wurde, hatte nur 3 mm Durchmesser.

Tastuntersucherin Andrea Windbichler optimiert die Brustkrebsfrüherkennung – als Blinde hat sie einen besonders ausgeprägten Tastsinn.

Die meisten Funde sind harmlos

Vor über fünf Jahren fing ich dann in der Praxis von Dr. Madeleine Haas in Erlangen an. Mir macht meine Arbeit sehr viel Spaß, denn ich kann täglich Menschen helfen. Die Frauen, die zu mir zur Untersuchung kommen, sind meist ziemlich angespannt und oft auch ängstlich. Denn natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass ich beim Tasten fündig werde. 

Es kommt auch häufig vor, dass ich etwas ertaste – allerdings ist es in den meisten Fällen völlig harmlos. Trotzdem ist es wichtig, für die Frauen eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Oft plaudere ich einfach drauf los, viele Patientinnen sind dann sehr dankbar für die Ablenkung. Für mich steht immer die Patientin im Vordergrund – das wichtigste ist, dass sie ein gutes Gefühl bei der Sache hat.

Vorsorgeuntersuchung gibt Sicherheit

Wenn ich wirklich einen Fund mache, wird die Frauenärztin hinzugezogen. Sie tastet noch einmal und veranlasst gegebenenfalls weitere Untersuchungen wie Ultraschall oder Röntgen. Nicht immer erfahre ich, welche Diagnosen am Ende gestellt wurden und wie es den Frauen mit den Behandlungen erging. Wenn mich Patientinnen von sich aus auf dem Laufenden halten, freue ich mich, habe aber auch Verständnis dafür, dass in solchen Situation andere Dinge vorgehen. Ich bin in jedem Fall in Gedanken immer bei den Frauen und hoffe, dass sie das irgendwie auch spüren.

Am Abend nach der Arbeit ist es nicht immer ganz leicht, abzuschalten. In vielen Fällen bin ich mir im Rahmen meiner Untersuchung sicher, dass ich eine Gewebeveränderung getastet habe, die bösartig sein könnte. Damit muss man schon klarkommen. Im Großen und Ganzen gelingt mir das sehr gut. Und das ist auch enorm wichtig.

"Anderen blinden Frauen, die sich für die Arbeit als MTU interessieren, gebe ich deshalb den Rat: Wer nicht abschalten kann, sollte die Sache noch einmal überdenken."

Wichtig ist auch, dass man Freude am Kontakt mit Menschen hat und einfühlsam auf andere reagieren kann. Dann macht die Arbeit aber sehr viel Spaß. Ich behandele meist acht Frauen an einem Tag, mein Terminkalender ist gut gebucht – das gibt mir die Bestätigung, dass das, was ich tue, wichtig ist.