Bei Nasenbluten den Kopf in den Nacken legen?

Die größten Irrtümer bei Kindernotfällen und was wirklich hilft

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Die Hand landet am heißen Suppentopf. Der Spülmaschinentab wird kurzerhand in den Mund gesteckt. Und der neue Roller fährt doch schneller als gedacht. Kinder sind von Natur aus neugierig und entdecken die Welt. Dabei überschätzen sie manchmal ihre Fähigkeiten – kleine Unfälle sind vorprogrammiert. In solchen Situationen kommen uns viele Ratschläge in den Kopf: Wunden heilen am besten an der Luft. Bei Nasenbluten den Kopf in den Nacken legen. Doch wussten Sie, dass viele dieser Hinweise falsch sind? Gemeinsam mit DRK-Bundesarzt Univ.-Prof. Dr. Bernd Böttiger klären wir auf, welche stimmen und welche nicht.

Irrtum 1: Kleine Wunden heilen am besten an der frischen Luft

Ein kleiner Riss am Finger oder Kratzer am Arm: Gerade bei kleineren Wunden verzichten wir oft auf ein Pflaster. Schließlich heißt es: Da muss Luft ran. Doch dies ist ein Irrglaube, wie Professor Bernd Böttiger erklärt: „Die Haut ist ein Schutzschild gegen Kälte, Austrocknung, Hitze und Infektionen. Es gibt immer eine Infektionsgefahr, wenn die Haut verletzt ist.“ 

Schon kleinste Verletzungen sind für Keime und Krankheitserreger wie eine offene Tür in den Körper. Daher rät der Experte: „Wunden sollten immer verbunden werden – mindestens mit einem Pflaster. Der Schutz hält die Wunde außerdem feucht. Das lindert den Juckreiz, die Wahrscheinlichkeit für Narbenbildung ist geringer. Wichtig ist, dass es sich um eine sterile Wundauflage handelt. Das heißt, das Pflaster oder der Verband sollten sauber und frei von Bakterien sein.“

Irrtum 2: Bei Nasenbluten den Kopf in den Nacken legen

Gerade Kinder haben öfter Nasenbluten. Oft reicht schon ein kräftiges Schnäuzen oder ein kleiner Sturz, um die empfindlichen Gefäße in der Nase einreißen zu lassen. Ein alter Ratschlag lautet: Kopf in den Nacken legen. Doch dies ist ein Irrtum und kann sogar negative Folgen haben. 

„Das Blut läuft nach hinten in den Rachen, die Kinder schlucken es und so gelangt es in den Magen. Das kann zu Übelkeit und Erbrechen führen. Außerdem besteht die Gefahr, dass das Blut in die Atemwege gelangt“, erklärt Professor Bernd Böttiger. Sein Ratschlag: „Um die Blutung zu stoppen, drückt man die Nasenflügel mit den Fingern zu und beugt den Kopf leicht nach vorne. Unterstützend kann ein kühler Lappen in den Nacken gelegt werden. Dadurch verengen sich die Gefäße und die Blutung wird schwächer. Meistens ist Nasenbluten harmlos und hört nach kurzer Zeit von selbst auf.“

Irrtum 3: Der Heimlich-Griff ist auch für Babys geeignet

Babys stecken fast alles in den Mund. Bleibt etwas im Hals stecken, löst es sich oft durch Husten von alleine. Wenn das nicht klappt und der Fremdkörper die Atemwege blockiert, ist schnelle Hilfe lebenswichtig. Bei Kindern unter 12 Monaten gilt allerdings: Auf keinen Fall die Oberbauchkompression, auch bekannt als Heimlich-Handgriff, anwenden. 

„Beim Heimlich-Manöver wird die betroffene Person von hinten umfasst und Druck auf die Magengegend ruckartig ausgeübt. Für Kinder unter 12 Monaten ist dieser Druck viel zu hoch, schwere Verletzungen können die Folge sein“, so Böttiger. Eine schonendere, aber dennoch effektive Alternative: Das Kind in Bauchlage mit dem Kopf nach unten auf den Unterarm legen und den Kopf mit der Hand am Kiefer stützen. Dabei darauf achten, nicht auf den Hals zu drücken. „Dann gibt man dem Baby einige feste Schläge mit der flachen Hand auf die Mitte des Rückens zwischen die Schulterblätter, um den Fremdkörper zu lösen.“

Irrtum 4: Bei Verbrennungen hilft Eis am besten

Gegen Feuer hilft Wasser und Eis ist noch besser? Wenn wir uns verbrennen, halten wir die Stelle oft intuitiv unter kühles Wasser. Das lindert den Schmerz und ist laut Professor Bernd Böttiger eine erste sinnvolle Maßnahme. Allerdings ergänzt der Experte: „Laut aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat das Kühlen einen kurzfristigen schmerzlindernden Effekt, aber die Wahrscheinlichkeit einer Unterkühlung ist gerade bei großflächigen Verbrennungen sehr hoch.“ Was Sie tun können, wenn sich Ihr Kind verbrannt hat: Kleine Verbrennungen können mit kaltem – jedoch nicht eiskaltem – Wasser überspült werden. Verbrannte Stellen, die größer sind als die Hand des Kindes, sollten nicht gekühlt werden. Hier ist die Gefahr der Unterkühlung zu groß. Im Gesicht kann mit feuchten Tüchern gekühlt werden, wobei die Atemwege immer frei bleiben müssen. Anschließend die Wunde mit einem sterilen, also sauberen Verband schützen. Eine ärztliche Untersuchung ist bei Verbrennungen grundsätzlich empfehlenswert.

Irrtum 5: Bei Vergiftungen sollte Erbrechen ausgelöst werden

Wenn Kinder etwas Giftiges zu sich genommen haben, könnte man meinen, Erbrechen sei eine gute Lösung. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie Professor Bernd Böttiger erläutert: „Giftige Stoffe können in Verbindung mit dem ohnehin schon sauren Mageninhalt zu einer schweren Schädigung der Speiseröhre führen. Noch gefährlicher ist die sogenannte Aspiration, also das Einatmen von Erbrochenem.“ Wichtig ist es, die Giftreste aus dem Mund zu entfernen. Die weitere Behandlung hängt von der Art der Substanz und der Einnahme ab: War es eine Pflanze oder Spülmittel? Wurde die Substanz getrunken, eingeatmet oder berührt? Was im Einzelfall zu tun ist, wissen die Ansprechpersonen in den Giftnotrufzentralen. Zeigt das Kind Symptome wie Schwindel, Bauchschmerzen oder ist bewusstlos, wählen Sie sofort die 112.

Krank am Wochenende: An wen wenden sich Eltern?

Wenn Kinder am Wochenende oder nachts plötzlich krank werden, stellt sich die Frage: Wo bekommt man schnelle Hilfe? Dies sind die wichtigsten Anlaufstellen:

  • Ärztlicher Notdienst: Ob am Wochenende, an Feiertagen oder nachts: Bei dringenden und nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen wählen Sie die 116117. Hier erfahren Sie, welche Kinderärztin oder welcher Kinderarzt in Ihrer Nähe zuständig ist. Alternativ können Sie hier auch selbst online nachschauen. 
  • Giftnotruf: Ihr Kind zeigt Anzeichen einer Vergiftung? Oder Sie sind sich nicht sicher, ob Ihr Kind etwas Giftiges zu sich genommen hat? Die Ansprechpersonen in den Giftnotrufzentralen sind fachlich geschult und 24 Stunden am Tag erreichbar.
  • Medizinische Notfälle: Ist das Leben Ihres Kindes in Gefahr, wählen Sie sofort die 112. Unter dieser Nummer erreichen Sie europaweit den Rettungsdienst.

Übrigens: Bei allen gesundheitlichen Fragen können Sie auch das SBK-Gesundheitstelefon Schwangerschaft & Kind anrufen. Das medizinische Fachteam unseres Partners 4sigma berät Sie gerne Tag und Nacht und rund um die Uhr. Dieser Service ist für SBK-Versicherte kostenfrei.

Unser Experte

Univ.-Prof. Dr. med. Bernd Böttiger

Bernd Böttiger ist Experte in den Bereichen Notfallmedizin und Reanimation. Er ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln. Als Bundesarzt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist Professor Böttiger unter anderem für die Koordination der DRK-Landesärzte zuständig.

Erste Hilfe am Kind

Für den Notfall gut vorbereitet zu sein, gibt ein sicheres Gefühl. Worauf es speziell bei Kindern und Säuglingen ankommt, wird in Erste-Hilfe-am-Kind-Kursen gezeigt. Hier bekommen Sie außerdem Tipps, wie Sie Unfälle vermeiden können. Solche Angebote können auch sinnvoll für Großeltern, ältere Geschwister oder andere Personen sein, die mit Ihren Kindern Zeit verbringen. Gut zu wissen: Über unser Babyglück-Bonusprogramm unterstützen wir Sie bei der Teilnahme an Erste-Hilfe-Kursen.

Anbieter für Lehrgänge in Deutschland sind unter anderem:

Arbeiter-Samariter-Bund (ASB)

Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG)

Deutsches Rotes Kreuz (DRK)

Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH)

Malteser Hilfsdienst (MHD)

Darüber hinaus gibt es private Erste-Hilfe-Schulen, die deutschlandweit verschiedene Kurse anbieten.

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