Psychisch gesund durchs Studium

Belastungssituationen rund um die Uni: Zwei Experten geben Tipps für Studierende.

Debora Peine ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2013 in der psychologischen Beratung von Studierenden an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Silvio Paasch hat Psychologie an der TU Dresden studiert und anschließend unter anderem in der Rehabilitation mit jungen Erwachsenen gearbeitet. Aktuell ist er in psychotherapeutischer Weiterbildung und berät beim psychologischen Online-Programm Selfapy. Beide kennen die Sorgen und Nöte von jungen Leuten aus ihrer Arbeit. Im Interview sprechen wir mit ihnen über typische Belastungssituationen im Studium.

Wie schildern Studierende ihre aktuelle Situation?

Debora Peine: Die meisten Studierenden sind belasteter als vor Beginn der Corona-Pandemie. Viele berichten, dass es ihnen schwerfällt, einerseits konzentriert zu arbeiten und andererseits den Feierabend zu genießen. Das haben sie mit vielen Berufstätigen im Homeoffice gemeinsam. Gleichzeitig fehlt der persönliche Kontakt. Gerade für Studierende in den ersten Semestern ist die Situation schwierig: Manche konnten ihre Mitstudierenden bisher nicht kennenlernen, haben noch nie die Universität von innen gesehen oder sind nicht an den Studienort umgezogen. Für viele fühlt es sich nicht nach dem Studium an, auf das sie sich gefreut haben.

Silvio Paasch: Ein großes Thema dabei ist die Selbstorganisation. Vieles, was vorher die Hochschulen organisiert haben, müssen Studierende jetzt selbst organisieren. Im Homeoffice tendieren viele junge Leute nun dazu, ihre Grenzen zu überschreiten und zu viel zu arbeiten. Zudem fehlen natürlich die gewohnten Freizeitaktivitäten als Ausgleich.

Debora Peine: Es gibt auch sehr akute Sorgen, etwa um die eigene Gesundheit und die der Liebsten oder die Unsicherheit, wie sich das Studium nach Verlust des Nebenjobs weiter finanzieren lässt. Oft mussten auch Praktika oder Auslandsaufenthalte abgesagt werden. Durch den fehlenden Austausch mit anderen Studierenden fühlen sich viele insgesamt unsicherer, besonders in der Prüfungsvorbereitung, weil offene Fragen nicht so einfach geklärt werden können. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, in dem Studierende merken, dass sie weniger Lampenfieber haben, wenn die Prüfung in Form einer Videokonferenz stattfindet.

Gibt es, unabhängig von der Pandemie, einen erhöhten psychischen Druck bei jungen Leuten?

Debore Peine: Ich erlebe, dass viele Studierende sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben. Sie möchten alles richtig machen, vergleichen sich mit anderen und zweifeln an den eigenen Fähigkeiten. In der Regel ist dies unbegründet! In den persönlichen Gesprächen mit Studierenden lassen sich viele Befürchtungen auflösen und der Blick wieder mehr auf die eigenen Stärken lenken.

Silvio Paasch: Das weit verbreitete Mantra „Du kannst alles erreichen, was du willst.“ erzeugt einen unheimlichen Druck. In solchen Leistungsbestrebungen spiegelt sich dann die Angst zu scheitern. Grundsätzlich muss man sagen, dass psychische Belastungen schon immer da waren. Heute redet man mehr darüber. Und das ist etwas unglaublich Gutes: Jugendliche und junge Erwachsene sind offener dafür, über Probleme zu sprechen.

Unsere Expertin

Debora Peine

Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin (SG), Psychologische Beraterin im Studiencoaching

Warum ist es wichtig, offen über Probleme zu sprechen?

Silvio Paasch: Da gibt es eine schöne Metapher: Wenn man einen Wasserball unter Wasser drückt, damit man ihn nicht sieht, schießt er hoch, wenn man ihn loslässt. Das ist bei psychischen Belastungen ähnlich. Der Stress ist ja trotzdem da, auch wenn ich nicht darüber rede. Über belastende Situationen zu reden, hilft, weil die Verarbeitung von Gefühlen und Gedanken damit fortgesetzt wird. Das ist tendenziell immer stressbefreiend.

Welche Tipps für den Alltag können Sie den Studierenden geben?

Silvio Paasch: Aktuell hilft zunächst Selbstakzeptanz: Die Situation ist nicht optimal, da ist es völlig normal, nicht die gewohnte Leistung zu erbringen. Der Selbstfürsorge kommt eine viel wichtigere Rolle zu. Empfehlenswert ist es im Alltag, sich eine Routine aufzubauen, wie sie sonst eher durch die Uni vorgegeben ist: feste Zeiten für Pausen einplanen und die Bewegung nicht vernachlässigen. Es muss nicht gleich das Hochintensitätstraining sein – auch ein halbstündiger Spaziergang kann schon dafür sorgen, depressive Verstimmungen aufzulösen. Der Austausch mit anderen sollte so gut wie möglich aufrechterhalten werden. Ein Student erzählte etwa, dass er sich parallel zu digitalen Vorlesungen mit seinen Mitstudierenden über einen Chat Messenger austauscht – auf diese Weise fühlt er sich in den Vorlesungen weniger isoliert.

Debora Peine: Je größer der Stress, desto wichtiger sind die Pausen und der Ausgleich. Aktuell müssen wir gleichzeitig abwägen, was möglich ist, und in der Umsetzung kreativ werden: Vielleicht ist es zunächst ungewohnt, sich zum gemeinsamen Kochen oder Spielen in der Videokonferenz zu treffen oder statt ins Fitnessstudio zu gehen, sich mit einem guten Freund zum Laufen im Park oder Wald zu verabreden. Zur Selbstfürsorge gehört es natürlich auch, auf gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Bewegung zu achten. Gerade frische Luft hilft, den Kopf freizubekommen und sich zu entspannen – das erleichtert übrigens auch das anschließende Lernen. Viele Studierende probieren gerade auch neue Hobbys aus oder entdecken alte wieder. Was uns am besten entspannt, ist individuell unterschiedlich. Es lohnt sich also, Verschiedenes auszuprobieren.

Unser Experte

Silvio Paasch

Psychologe beim Online-Programm Selfapy

Und was tun bei der angesprochenen Prüfungsangst?

Debora Peine: Hier hilft es, sich als Erstes möglichst genau zu informieren, was in der Prüfung gefordert ist, und dieses Ziel immer im Blick zu behalten. Für das eigene Selbstvertrauen ist es dabei sehr hilfreich, sich jeden Tag anzuschauen, was man geschafft hat, und das Gelernte noch einmal in eigenen Worten zu erklären. Diese Wiederholungen unterstützen den Lernprozess und erinnern gleichzeitig daran, dass eine Prüfung auch eine Einladung ist, zu zeigen, was man kann. Dabei nach Perfektion zu streben, erzeugt unnötigen Stress – viel wichtiger ist es, einen klaren Kopf zu behalten. Am Tag der Prüfung ist es empfehlenswert, bewusst etwas für die Entspannung zu tun, zum Beispiel spazieren zu gehen oder eine Achtsamkeitsübung zu machen. Das geht ganz einfach, indem man mit geschlossenen Augen ganz bewusst auf die nächsten 10 bis 20 langsamen Atemzüge achtet.

Wo können Studierende weitere Hilfe finden?

Debora Peine: Viele ziehen sich bei Problemen zurück und versuchen, erst einmal allein zurechtzukommen. Ein Gespräch mit einer vertrauten Person mit offenem Ohr kann dann sehr entlastend sein. Gemeinsam ist es viel leichter, neue Lösungsideen zu finden. In der Regel hat jede Hochschule eine psychologische, psychosoziale oder psychotherapeutische Beratungsstelle. Dort treffen Studierende auf Personen, die sich mit dem Leben an der Universität und den Herausforderungen im Studium gut auskennen. Die Gespräche dort sind kostenlos und vertraulich, sodass man offen über alles sprechen und in Ruhe die nächsten Schritte planen kann. Coronabedingt ist bei uns an der Uni in Gießen Beratung zurzeit nur per Videochat oder telefonisch möglich, so wie an anderen Hochschulen wahrscheinlich auch. Bei großer psychischer Belastung oder körperlichen Symptomen ist es auch sinnvoll, mit seinem Hausarzt oder seiner Hausärztin zu sprechen und sich gegebenenfalls psychotherapeutische Unterstützung zu suchen.

Förderung der psychischen Gesundheit an Hochschulen

Die SBK unterstützt das Programm „Psychisch fit studieren“ der Non-Profit-Organisation „Irrsinnig Menschlich“, die sich an Studierende richtet. Ziel ist es, psychische Belastungssituationen an Hochschulen besser besprechen zu können und die Gesundheitskompetenz der Betroffenen zu stärken. Mehr Informationen finden Sie hier.

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