Schöne neue Arbeitswelt?

Von Home-Office bis 4-Tage-Woche: Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

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Corona hat die Welt verändert – in besonderem Maße auch die Arbeitswelt. Oder hat das Virus nur etwas beschleunigt, was schon längst überfällig war? In Zeiten von Mindestabstand und Hygienemaßnahmen wird Home-Office plötzlich zum selbstverständlichen Arbeitsmodell. Digitale Videokonferenzen statt durchgetakteter Büroalltag. Krankschreibungen gehen zurück, Arbeitnehmer fühlen sich größtenteils weniger gestresst. Was heißt das für die Zukunft? Wird agiles Arbeiten zur neuen Normalität?

Zeit ist das neue Gehalt

In Deutschlands Personalabteilungen geht es längst nicht mehr nur um Zahlen und Gehälter. Bewerber und Mitarbeiter fragen vor allem nach flexiblen Arbeitszeitmodellen wie Gleitzeit, einer 4-Tage-Woche oder agilen Home-Office-Regelungen. Die oft zitierte Work-Life-Balance hat eine neue Entwicklung erfahren: Mehr Geld ist gut und schön, mehr Zeit noch schöner und besser. Der Beruf soll nicht mehr alles sein, Familie, Freunde, Hobbys haben an Bedeutung für die eigene Lebensqualität dazugewonnen. Es geht nicht mehr darum, eine „Balance“ zwischen Arbeit und Leben zu finden, sondern beides sinnvoll zu verbinden – es geht um eine „Work-Life-Integration“.

Die Zukunft der Arbeit

Skandinavien hat es bereits vorgemacht: In einigen Unternehmen wurde die 4-Tage-Woche zu vollem Gehalt eingeführt. Das Ergebnis? Gleichbleibende Arbeitsleistung bei steigender Mitarbeiterzufriedenheit. Auch hierzulande fordern immer mehr Politiker dieses Arbeitszeitmodell. Einen Tag mehr in der Woche, um sich zu erholen, privaten Projekten zu widmen oder mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Selbst Unternehmen, die bereits flexible Home-Office-Tage anbieten, vermelden sinkende Krankschreibungen.

Ist eine 4-Tage-Woche also der Weg in eine gesündere Arbeitswelt? „Pauschal lässt sich das nicht so einfach sagen“, meint Prof. Dr. med. Joachim Fischer, Leiter des Mannheimer Instituts für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin der Universität Heidelberg. „Die sinkenden Krankschreibungen im Home-Office basieren auch darauf, dass man sich nicht so schnell wegen leichtem Unwohlsein oder etwas Kopfweh krankschreiben lässt. Zudem vermeidet man auch Sozialkontakte und reduziert somit Infektionskrankheiten.“ Für den Mediziner steht fest, dass die physische und psychische Gesundheit von Arbeitnehmern von mehr Faktoren beeinflusst wird: „Gute Arbeitsbedingungen hängen ja nicht nur von flexiblen Zeiten ab, sondern auch von einer guten Führung. Ein schlechter Chef ist für die Gesundheit wie zehn Zigaretten am Tag. Nicht jede Berufsgruppe kann sich eine 4-Tage-Woche leisten. Was wir für die Zukunft lernen müssen, ist, Mitarbeiter zu motivieren und ihnen genügend Wertschätzung entgegenzubringen.“

Gesunde Führung

Vor allem Corona hat gezeigt, dass Unternehmen sich innerhalb kürzester Zeit digitalisieren können und sich Technologien weiterentwickeln. Das allein reicht aber nicht: Die Unternehmens- und Führungskultur muss sich mindestens gleichermaßen weiterbilden. Dieser Ansicht ist auch Sabrina Sebbesse, Fachexpertin für Betriebliches Gesundheitsmanagement der SBK Berlin: „Unternehmen müssen sich um eine gesundheitsförderliche Betriebskultur kümmern, die durch eine mitarbeiterorientierte Führung sowie physisch und psychisch gute Arbeitsbedingungen geprägt ist.“ Die Bedürfnisse von Angestellten sollten aber nicht nur organisatorisch Berücksichtigung finden. „Der Arbeitnehmer muss auch als Mensch gesehen werden“, meint Frau Sebbesse, „mit der Frage ,Wie geht es Ihnen denn wirklich?‘ lässt sich eine Menge, vor allem zwischenmenschlich, erreichen und ich bin mir sicher, viele Führungskräfte wären von dem Gesprächsergebnis überrascht!“

Organisation ist alles

„Jeder Arbeitnehmer hat unterschiedliche Stärken und Schwächen, das muss auch bei freien Arbeitszeitmodellen beachtet werden“, erklärt Prof. Dr. med. Fischer, „gerade wenn feste Strukturen des Büroalltags wegfallen, muss der Arbeitnehmer um so mehr in der Lage sein, sich gut zu organisieren.“ Selbstregulation lautet das Stichwort. Die Fähigkeit, seine Leistung richtig einzusetzen und vor allem: einzuschätzen. „Einigen Menschen fällt es schwer, weil sie das nie richtig gelernt haben. Für sie können fehlende Regeln und Anleitung auch einen erhöhten Stressfaktor bedeuten.“ Kein Wunder, dass eine 4-Tage-Woche oder die Einführung von 6-Stunden-Tagen nicht in allen Unternehmen funktioniert hat: Die Mitarbeiter hatten das Arbeitspensum nicht geschafft oder sich zu sehr damit gestresst, es in kürzerer Zeit zu bewältigen. Der Forschungsexperte für betriebliches Gesundheitsmanagement betont, dass gerade bei flexiblen Arbeitszeiten viel Eigenverantwortung gefragt ist: „Agiles Arbeiten ist ein Begriff, der heutzutage gerne und schnell benutzt wird. Aber alleine feste Strukturen zu lockern, reicht nicht, um Stress zu reduzieren. Wichtig ist, als Arbeitgeber ein gemeinsames Ziel vorzugeben und zu wissen, dass jeder Arbeitnehmer in der Lage ist, es eigenverantwortlich zu erreichen. Vergleichbar mit einer Fußballmannschaft: Jeder Spieler sollte nach seinen Fähigkeiten und Talenten eingesetzt werden, um seine Bestleistung zu erbringen. Aber man kann nicht jeden Schritt, jeden Pass oder jede Torchance vorgeben. Handlungsspielraum und Vertrauen spielen eine große Rolle, genauso wie Wertschätzung und Motivation.“ Auch Fachexpertin Sabrina Sebbesse sieht eine Mitverantwortung bei den Arbeitnehmern: „Gesunde Selbstführung ist wichtig und bedeutet vor allem, Gesundheitskompetenz zu besitzen. Das heißt, seinen Körper gut zu kennen, erste Überlastungssymptome rechtzeitig zu bemerken und mit einem passenden Ausgleich gegenzusteuern.“ Nachdenklich sollte man werden, wenn die Arbeit die eigene Stimmung und den Schlaf beeinträchtigen, weil die Gedanken ständig um Arbeitsthemen kreisen. Wenn Müdigkeit und Erschöpfung sowie nachlassende Leistungsfähigkeit hinzukommen, heißt es, handeln und sich bewusst Auszeiten nehmen oder beratende Hilfe suchen.

Die Arbeitswelt ist im Umbruch: Corona hat gezeigt, dass wir in der Lage sind, mobiler zu arbeiten und Arbeitsprozesse zu optimieren. Die Gesundheit und Zufriedenheit des Einzelnen hängt aber nicht bedingungslos von Arbeitszeitmodellen ab. Selbstregulation und Eigenverantwortung sind und bleiben wichtige Resilienzfaktoren, um mit Stress richtig umzugehen. Umso flexibler die schöne neue Arbeitswelt in Zukunft werden wird, desto wichtiger wird eine gute Führung werden – durch Vorgesetzte, aber vor allem durch uns selbst.

SBK-Info

In Zukunft gesünder arbeiten: das Projekt psyGA

Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt

Gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen der Initiative „Neue Qualität der Arbeit“, verfolgt das Projekt das Ziel, für psychische Gesundheit zu sensibilisieren, zu informieren, Arbeit mitarbeiterorientiert zu gestalten und Überlastungen vorzubeugen. Als Leiter des Projektes hat der BKK Dachverband mit Kooperationspartnern aus unterschiedlichen Branchen vorhandenes Wissen zur Förderung der psychischen Gesundheit in über 23 qualitätsgesicherten Handlungshilfen zusammengetragen. Die SBK freut sich, Teil dieses besonderen Projektes zu sein. Neben der inhaltlichen Mitgestaltung ist sie einer der Partner, die über sogenannte Transferveranstaltungen das Wissen an Unternehmen weitervermittelt.

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