Über den Spagat zwischen Für- und Selbstsorge

Warum Eltern auch an sich denken dürfen und sollen, erklärt der Arzt und Psychotherapeut Dr. Mathias Klinkerfuß.

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Foto: SBK

Dr. med. Mathias Klinkerfuß ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er berät unter anderem in den Bereichen psychische Gesundheit und Stressmanagement. Die herausfordernde Elternrolle kennt er selbst, weil er Vater zweier Töchter ist. Im Interview erklärt er, wie Eltern besser mit Belastungssituationen umgehen können und warum ihm seine Frau manchmal sagt, er solle „mal Playstation zocken gehen“.

Wie schildern Eltern Ihnen ihre aktuelle Situation?

Mathias Klinkerfuß: Als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie erlebe ich im Arbeitsalltag vor allem Klienten, die zu mir kommen, weil sie behandlungsbedürftige psychische Beschwerden haben. Also zum Beispiel Angstsymptome, psychosomatische Beschwerden, Schwierigkeiten mit dem Essen oder der Emotionsregulation. Die Pandemie wirkt sich natürlich auf Familiensituationen aus und mitunter spielt auch die Elternrolle in die Probleme hinein, wegen denen die Leute primär zu mir gekommen sind. Bestehende Probleme werden also oftmals verstärkt.

Einen außergewöhnlichen Belastungszustand spüren fast alle Eltern. Was sind hierbei übliche Treiber?

Mathias Klinkerfuß: Es gibt ein großes Spannungsfeld, das für die meisten Eltern eine Rolle spielt. Einerseits ist da das Sicherheitsbedürfnis in Bezug auf die Pandemie gegenüber dem Kind, andererseits das Bedürfnis, Sozialkontakte und wohltuende Gewohnheiten aufrechtzuerhalten. Das ist häufig eine vermeintliche Entweder-oder-Situation: Lasse ich mein Kind mit den Nachbarskindern spielen, weil es ihm guttut? Oder ist mir das zu heiß, weil in den Schulen gerade die Klassen geteilt werden? Dieses Jonglieren zwischen pandemiegerechtem Verhalten und den Bedürfnissen der Kinder treibt viele Eltern um.

Laut dem Familienbericht der Bundesregierung setzen sich Eltern auch unabhängig von der Pandemie zunehmend unter Druck. Sehen Sie das auch so?

Mathias Klinkerfuß: Fragen, rund um die Bildungsförderung etwa, haben Eltern natürlich auch schon vor Corona beschäftigt. In Hessen beispielsweise ist die Schulformempfehlung der Grundschule nicht bindend. Eltern stehen vor der Frage: Verbaue ich meinem Kind die Zukunft, wenn ich es entsprechend der Empfehlung nicht auf das Gymnasium schicke?

Das führt stets zu der Frage: Mache ich es als Mutter oder Vater eigentlich gut genug? Investiere ich genug? Werde ich allen Anforderungen gerecht, die die Welt an meine Kinder heranträgt? Diese Szenarien sind nicht durch Corona entstanden. Aber solche Fragen bekommen aktuell noch mal viel mehr Zunder: Werde ich dem Kind eher gerecht, indem ich versuche, es aus dem Präsenzunterricht herauszuhalten, oder indem ich ihm beibringe, wie der Corona-Selbsttest funktioniert? Es gibt viel mehr Anlässe, sich selbst zu hinterfragen.

Unser Experte

Dr. med. Mathias Klinkerfuß

Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Welche Ratschläge kann man geben?

Mathias Klinkerfuß: Es gibt eine Grundambivalenz des Menschen. Einerseits sind wir auf Schutz und Versorgung durch die Menschen um uns herum angewiesen, wenn wir auf die Welt kommen. Andererseits haben wir diese verflixte Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstreflexion. Wir entwickeln ein Autonomiebedürfnis, möchten uns individualisieren und unser eigenes Ding machen. Die Frage ist: Wo ziehe ich dabei die Grenze? Das zu balancieren, ist eine Herausforderung, die in meinem Fachbereich eine große Rolle spielt. Es gibt Menschen, bei denen die Familie über allem steht. Sie wollen für alle da sein und sorgen und stellen ihre eigenen Bedürfnisse ganz ans Ende. Das sind die Grundzutaten, die bei Burnout und Depressionen immer eine Rolle spielen. Wenn Menschen andererseits sehr auf sich selbst bezogen agieren, kann natürlich nicht so viel Beziehung stattfinden. Wie gelingt also die Balance, dass sowohl für die Familie als auch für die eigenen Bedürfnisse Platz ist oder beides sogar ineinandergreift? Ich rate Eltern oft: Schauen Sie, dass Sie sich gut absprechen, wer jetzt was braucht und wer vielleicht noch Reserven hat. Wechseln Sie sich ab und schaffen Sie sich Inseln, um auch mal Luft zu holen.

Aber wie gelingt das im hektischen Alltag?

Mathias Klinkerfuß: Es braucht zunächst ein Grundbewusstsein, um zu erkennen, dass mir gerade etwas fehlt. Als Psychosomatiker werbe ich dafür, auf die Signale des eigenen Organismus zu hören. Alle Formen körperlicher oder emotionaler Reaktionen kann man als Feedback auf unsere Bedürfnislage verstehen. Wenn der Nacken verspannt ist, Kopfschmerzen kommen, der Schlaf nicht gut ist, sich der Magen meldet, der Tinnitus mehr fiept als sonst oder ich eine kürzere Zündschnur habe und merke, dass ich häufiger nah am Wasser gebaut bin, ist das als wertvolles Feedback meines Organismus zu sehen. Wichtig ist dann, nicht zu sagen: „Mensch, ich bring’s gar nicht mehr“, sondern anzuerkennen: „Spätestens jetzt ist es sinnvoll, etwas für mich zu tun.“ So wie beim Warnlämpchen im Auto, das einem sagt: „Jetzt ist es Zeit für den Ölwechsel.“

Und dann an sich selbst denken?

Mathias Klinkerfuß: Ja, und was das bedeutet, ist individuell unterschiedlich. Ob ich mich zurückziehe und die Playstation anschmeiße oder mich aufs Rennrad schwinge – da kennen sich die meisten doch selbst am besten. Wichtig ist, die Balance nicht zu vergessen: Man ist nicht gleich entweder guter Familienvater oder Individualist. Wenn ich am Mittwochabend eine Stunde lang für mich nutze, mich dafür aber am nächsten Tag entspannter in die Familie einbringen kann, habe ich so in meine Bedürfnisse investiert, dass es auch der Familie zugutekommt.

Wie können sich Elternteile gegenseitig unterstützen?

Mathias Klinkerfuß: Auch hier glaube ich: In den meisten Partnerschaften kennt man sich ja eine Weile. Man entwickelt Antennen und erkennt, wenn der Partner an seiner Grenze ist. Meine Frau sagt mir manchmal: „Bitte geh mal Playstation zocken, du bist unausstehlich!“ Das hat natürlich einerseits einen kritischen Aspekt, andererseits auch etwas absolut Fürsorgliches. Es braucht einen guten Dialog, man muss also grundsätzlich im Austausch sein.

Drei Tipps für den hektischen Alltag

1. Grenzen akzeptieren

Grenzen sind keine Schwäche und kein Versagen. Für Kinder sind „perfekte“ Eltern ohnehin die Hölle: Wenn „perfekt sein“ der Maßstab ist, kann man dem als Kind selbst nie gerecht werden und lernt, sich dauernd im Defizit zu fühlen. Als Elternteil kann man deshalb mit Recht auch mal sagen: „Ich bin hier an meiner Grenze und habe nicht unendlich Kraft, Geduld oder Energie. Und gerade deshalb bin ich total in Ordnung.“ 

2. Die „Me-Time-Wildcard“

Spielerisch mit Auszeiten umgehen: Jedes Familienmitglied bekommt eine „Me-Time-Wildcard“, die ohne Diskussion und Rechtfertigung eingelöst werden kann. Über die Häufigkeit und die Dauer muss man im Vorfeld verhandeln, damit alle von gleichen Rahmenbedingungen ausgehen (z. B. zweimal pro Woche 45 Minuten). Ähnlich kann auch ein „Ich brauche etwas von dir“-Ticket funktionieren. Dabei hat man dann statt der Abgrenzung („Ich brauche Zeit für mich.“) eine Bezogenheitsintervention („Ich wünsche mir, dass ihr mein Bedürfnis seht und darauf reagiert!“).

3. Vom Fliegen lernen

Im Flugzeug gibt es die Masken, die im Falle eines Druckabfalls von der Decke fallen. Über die kommt dann der Sauerstoff, damit man nicht ohnmächtig wird. In den Sicherheitshinweisen wird dabei stets darauf hingewiesen, dass man der Versuchung widerstehen soll, zuerst dem Kind die Maske aufzusetzen. Denn das Kind hat nichts von einem neben sich liegenden Erwachsenen. Diese Sicherheitshinweise aus dem Flugzeug sind eine prima Gedankenstütze: Stellen Sie sicher, dass Sie für sich sorgen, – damit Sie auch anderen helfen können.

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