Befreiung von der Maschine

Ein Kommentar von Dr. Gertrud Demmler, Vorständin

In Deutschland werden viele Tausend Menschen künstlich beatmet, obwohl sie mit fachkundiger Hilfe längst schon wieder selbstständig atmen könnten. Sie sind in vielen Fällen nicht einmal in der Lage, das Haus zu verlassen, und müssen von einem Intensivpflegedienst rund um die Uhr betreut werden. Aber auch Patienten, die nur stundenweise – zum Beispiel nachts – beatmet werden, müssen große Einschränkungen in ihrer Lebensqualität hinnehmen. Die Zahl der Patienten mit einer chronischen Ateminsuffizienz, die zu Hause beatmet werden, steigt in Deutschland kontinuierlich. Studien belegen allerdings, dass etwa 60 Prozent dieser Menschen zumindest vorübergehend von der Beatmung entwöhnt werden könnten. Wie kann es sein, dass dennoch so viele Patienten weiter beatmet werden?

Das Problem besteht darin, dass viele Patienten, wenn sie einmal in ihrem häuslichen Umfeld dauerbeatmet werden, nur in seltenen Fällen wieder einen Facharzt zu Gesicht bekommen. Aber auch in anderen Fällen kann es vorkommen, dass behandelnde Ärzte zu wenig Kenntnisse auf dem Gebiet der Beatmungsentwöhnung (Weaning) besitzen und ihre Patienten dadurch nicht hinreichend über die Möglichkeiten hierüber aufklären. Ohne fachliche Einschätzung kann jedoch nicht festgestellt werden, ob die beatmete Person beispielsweise auch mit einer deutlich sichereren und angenehmeren Maskenbeatmung statt dauerhaft per Halskanüle versorgt werden könnte. Beatmungspatienten landen also in einer Art Sackgasse: Befinden sie sich einmal an einem Beatmungsgerät, besteht kaum eine Chance, dass sie wieder ein weitestgehend freies Leben führen können. Denn je länger ein Patient beatmet wurde, desto schwieriger gestaltet sich in der Regel die Entwöhnung vom Beatmungsgerät, weil beispielsweise der Abbau der Atemmuskulatur bereits weit vorangeschritten ist.

Das wollten wir als SBK nicht länger hinnehmen und haben uns überlegt, wie wir sicherstellen können, dass Patienten mit Potenzial zur Entwöhnung auch tatsächlich von der Beatmung durch eine Halskanüle wegkommen und sich ihre persönliche Situation wieder deutlich bessert. Wir haben dafür einen in Deutschland bisher einmaligen Vertrag geschlossen, der eine zertifizierte Fachklinik für Beatmungsentwöhnung, ein sogenanntes Weaning-Zentrum, und den Hausarzt eines Patienten zusammenbringt. Mithilfe einer gemeinsamen Konferenz und eines Hausbesuchs wird analysiert, ob eine solche Beatmung tatsächlich sinnvoll ist. Damit Klinik und Arzt sich die notwendige Zeit nehmen können, zahlen wir ihnen eine zusätzliche Vergütung. Immer mehr Weaning-Zentren wollen sich unserem Vertrag anschließen, was uns zeigt, dass wir mit unserer Idee auf dem richtigen Weg für unsere Versicherten sind. Wir werden unser neues Vorgehen aber auch wissenschaftlich evaluieren, damit diese Praxis bei einem nachgewiesenen positiven Ergebnis zum Standard in der gesetzlichen Krankenversicherung wird.

Solche speziellen Qualitätsverträge können Krankenkassen erst seit Kurzem abschließen. Ich freue mich, dass wir dieses Instrument als erste Krankenversicherung nutzen konnten, um ein Versorgungsproblem zu lösen, das für die Betroffenen extreme Einschränkungen bedeutet. Den Vertrag haben wir übrigens bewusst offen gestaltet, damit sich andere Krankenkassen anschließen können und auch deren Versicherte nicht unter einem Versorgungsdefizit leiden müssen.

Was wir als SBK in allen Gebieten versuchen, nämlich Sie und Ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen und zum Ausgangspunkt all unserer Überlegungen zu machen, muss in unserem Gesundheitssystem endlich zum Standard werden. Glücklicherweise haben wir jetzt mit den bereits erwähnten Qualitätsverträgen eine weitere, sehr wertvolle Möglichkeit dazu. Daher planen wir noch weitere Qualitätsverträge in anderen Bereichen, um anderen Fehlentwicklungen in der Versorgung unserer Versicherten entgegenzusteuern. Ich freue mich, dass wieder ein paar Schritte mehr in die richtige Richtung getan wurden, auch wenn weiterhin einiges für uns zu tun bleibt. Wir bleiben dran, versprochen!

Weaning - was ist das?

Unter Weaning versteht man die Entwöhnung eines künstlich beatmeten Patienten von seinem Beatmungsgerät. Die Beatmungsentwöhnung erfolgt meist in einer Klinik oder einem spezialisierten Weaning-Zentrum, kann aber unter bestimmten Umständen auch von Fachkräften ambulant zu Hause durchgeführt werden. Für eine erfolgreiche Beatmungsentwöhnung müssen nicht nur die physischen und psychischen Voraussetzungen gegeben sein. Auch der Patient muss seine Zustimmung geben und aktiv mitarbeiten. Mehr über die aktuellen Chancen und Herausforderungen bei der Beatmungsentwöhnung erfahren Sie im Interview mit Alexandra Standl, Expertin für Intensivpflege bei der SBK, unter sbk.org/weaning.