„Das Geld muss dort ankommen, wo es wirklich hilft“
SBK-Vorständin Dr. Gertrud Demmler im Interview rund um die großen Veränderungen im Gesundheitswesen: steigende Ausgaben, neue gesetzliche Regelungen und die Frage, wie gute Versorgung auch künftig für alle erreichbar bleibt.

Im Gesundheitswesen stehen gerade viele Veränderungen an. Wo werden sie für unsere Versicherten spürbar sein?
Die Veränderungen zum Jahreswechsel werden sich zunächst einmal finanziell bemerkbar machen. Für viele positiv, weil sich die Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung stabilisieren. Aber eben nicht für alle. Denn diese Stabilisierung entsteht nicht nur dadurch, dass Ausgaben begrenzt werden. Auf Versicherte kommen an verschiedenen Stellen höhere Belastungen zu. Zum Beispiel durch höhere Zuzahlungen und angepasste Festzuschüssen für Zahnersatz. Für Menschen mit höheren Einkommen ist vor allem die deutliche Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze relevant. Hinzu kommen geplante Veränderungen in der Pflege, die ebenfalls zu höheren Kosten führen können.
Deshalb können die Beiträge GKV-weit stabil bleiben und die persönlichen Ausgaben trotzdem steigen. Ich verstehe, wenn Betroffene sagen: “Ich zahle schon so viel, jetzt wird es noch teurer. Und trotzdem warte ich Wochen oder Monate auf einen Arzttermin.”
Genau diese Wahrnehmung zeigt mir, worum es eigentlich geht: Wir müssen das viele Geld, das wir im Gesundheitswesen ausgeben, so einsetzen, dass es bei den Menschen ankommt. Entscheidend ist nicht, wie viel wir ausgeben, sondern wie wir die Gesundheit der Beitragszahlenden damit verbessern.
Was müsste sich denn ändern, damit die Versorgung besser wird?
Wir brauchen eine Versorgung, bei der der ganze Versorgungsweg im Blick bleibt und klar ist, wer Verantwortung übernimmt: Was braucht der Patient, die Patientin gerade? Wer kann am besten weiterhelfen? Und wie greifen die verschiedenen Behandlungen ineinander?
Heute erleben viele die Versorgung als einzelne, voneinander getrennte Abschnitte: Der Hausarzt übernimmt seinen Teil, der Facharzt seinen und das Krankenhaus seinen. Diese Rückmeldung bekommen wir auch von unseren Versicherten: Sie müssen ihre Geschichte mehrfach erzählen, bekommen Untersuchungen wiederholt oder wissen nicht, an wen sie sich als Nächstes wenden sollen. Genau hier entstehen Reibungsverluste – und manchmal auch unnötige Kosten.
Unsere
Aber auch auf Seiten der Leistungserbringer brauchen wir Strukturen, die besser zusammenspielen. Genau darum geht es bei der aktuellen Diskussion über ein Primärversorgungssystem: Die erste Anlaufstelle soll nicht nur behandeln, sondern auch dabei helfen, den weiteren Weg zu organisieren. So kommen Patientinnen und Patienten schneller dort an, wo ihnen am besten geholfen wird
Ich bin überzeugt, dass wir damit nicht nur Geld sinnvoller einsetzen, sondern auch die Qualität der Versorgung verbessern können. Denn dann bekommen wir nicht einfach möglichst viele einzelne Leistungen, sondern die richtige Leistung zur richtigen Zeit.
Wenn Sie heute eine Sache im Gesundheitswesen sofort verändern könnten: Welche wäre das – und warum?
Ich würde Qualitätsorientierung und Transparenz zum Grundsatz machen. Für mich bedeutet Qualität eben genau das, was ich oben geschildert habe: Jeder und jede bekommt die richtige Versorgung zur richtigen Zeit. Alle finden sich im Gesundheitssystem zurecht, die verschiedenen Behandlungen passen zusammen und ihre Gesundheit steht im Mittelpunkt.
Ich würde deshalb auch stärker darauf schauen, was uns alle gesund hält und verhindert, dass Krankheiten überhaupt entstehen. Und noch etwas ist mit persönlich wichtig: Am liebsten wäre es mir, wenn es sich für alle Beteiligten im Gesundheitswesen am meisten auszahlt, Krankheit gar nicht erst entstehen zu lassen.