Das System schadet den Versicherten

warnt SBK-Experte Florian Getfert

Manipulieren Krankenkassen Diagnosen, um mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu erhalten? Dieser Verdacht verunsicherte 2016 die Versicherten und alarmierte die Politik. Der Kassenfinanzausgleich, der die Beiträge aus dem Gesundheitsfonds an die einzelnen Krankenkassen verteilt, der sogenannte Morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA), schüttet Zuweisungen aus, wenn Versicherte an einer von rund 80 festgelegten Krankheiten erkranken – nachgewiesen durch eine entsprechende ärztliche Diagnose. Das hat in der Vergangenheit Krankenkassen dazu verleitet, Einfluss auf die Ärzte zu nehmen, damit sie ihre Diagnosen entsprechend stellen. Der Gesetzgeber hat schnell reagiert und solche Praktiken verboten. Das Grundproblem aber bleibt, warnt SBK-Finanzexperte Florian Getfert: Der Morbi-RSA setzt die falschen Anreize und verteilt die Gelder ungleich.

Florian Getfert, Fachsprecher RSA in München

Die SBK spricht sich schon seit Längerem für eine Reform des Kassenfinanzausgleichs aus. Wo besteht aus Ihrer Sicht Handlungsbedarf?

Getfert: Die Debatte um manipulierte Diagnosen hat gezeigt: Der Morbi-RSA setzt die falschen Anreize. Das gilt nicht nur für die Tatsache, dass bestimmte dauerhafte Diagnosen lukrativer für die Kassen sind, als beispielsweise über gezielte Präventionsmaßnahmen auf eine Verbesserung hinzuwirken. Es gibt noch andere gravierende Schwachstellen: Obwohl die Versorgungin Großstädten wie München oder Hamburg deutlich mehr kostet als auf dem Land, wird dieser Fakt nicht berücksichtigt. Wir Kassen haben leider nicht die Möglichkeit diese Mehrkosten zu beeinflussen und bleiben somit darauf sitzen bzw. müssen sie an die Versicherten weitergeben. Anstelle den Wohnort des Versicherten im Ausgleich zu berücksichtigen, werden die Mitglieder, die in den meisten Fällen ohnehin schon deutlich höhere Beiträge bezahlen, zusätzlich belastet. Daneben finde ich es problematisch, dass gerade die Versicherten, die am schwersten erkrankt sind, am schlechtesten im Morbi-RSA abgebildet werden. Es darf nicht sein, dass die Versicherten, die wirklich auf unser aller Solidarität angewiesen sind, am Ende allein im Regen stehen.

Wird die Politik eingreifen?

Getfert: Ich hoffe es. Die SBK konnte im Zusammenspiel mit anderen Krankenkassen 2016 endlich erreichen, dass der Morbi-RSA überprüft wird. Das Bundesgesundheitsministerium hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, das seine Wirkungen derzeit evaluiert. Im September, pünktlich zum Start der neuen Bundesregierung, werden die Ergebnisse vorgelegt.

Was würde sich für die Versicherten dann ändern?

Getfert: Als Krankenversicherung haben wir von unseren Kunden einen besonderen Auftrag, Sicherheit und Vertrauen sind bei Gesundheitsfragen elementar. Durch die Fehler im Finanzausgleich können wir Krankenkassen uns jedoch nicht auf die Versorgung fokussieren. Alle beschäftigen sich mit der Frage, wie sie ihren Anteil am Gesundheitsfonds erhöhen. Keiner will seine Kunden finanziell übermäßig belasten, zumal bei uns ein wesentlicher Teil des höheren Zusatzbeitrags systembedingt an Wettbewerber fließt, die dieses Geld gar nicht brauchen. Das ist perfide und unsolidarisch. Oder andersherum gesprochen: Eine Reform des Morbi-RSA würde zu gerechteren Finanzen führen – und damit zu gerechteren Bedingungen. Die Versicherten würden von einem Wettbewerb um Qualität enorm profitieren, denn so würden vielseitige, attraktive Angebote und Services entstehen.