Stichwort „mündiger Patient“

Interview: Prof. Dr. David Matusiewicz über Digitalisierung und Gesundheitskompetenz (15.07.2019)

Stichwort „mündiger Patient“ – wie vermitteln wir die nötige Gesundheitskompetenz und was können die einzelnen Parteien (Arzt, Krankenkasse, Politik) dazu beitragen?

Das Thema Gesundheitskompetenz ist für mich ein zentrales Thema für die Zukunft. Aus meiner Sicht ist es elementar, dass wir aufhören, dass der Patient als jemand gesehen wird, der nicht souverän selbst entscheiden kann und sich nicht selbst informieren kann. Schließlich schafft der Mensch es in allen anderen Lebenslagen auch, sich einen Überblick zu verschaffen, auch zu komplexen Themen. Die Patienten haben ein ureigenes Interesse daran, sich Gesundheitskompetenz selbst anzueignen. Das sieht man auch daran, dass bei Google Gesundheit als am häufigsten gesuchter Suchbegriff in einem Jahr genutzt wurde.

Die Frage ist vielmehr: Wie kriegen wir es hin, dass Ärzte, Krankenkassen und andere Akteure im Gesundheitswesen für die Qualitätssicherung der Information sorgen und sich gute Inhalte durchsetzen. Ich glaube, dass in Zukunft viel mehr mit Key Opinion Leadern oder Influencern gearbeitet werden muss. Nur so können qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen auch an die breite Masse kommuniziert werden. Ich denke, dass wir heute mit Social Media wie beispielsweise YouTube und anderen Plattformen – und auch mit Videos wie diesen unseren – Plattform bauen können, um unterschiedliche Information auf unterschiedliche Art und Weise zu kommunizieren. Und das alles muss auf einer leicht verdaulichen Weise passieren, wie es in der heutigen schnelllebigen Zeit angemessen ist. Und das darf auch Spaß machen.

Welche Rolle nimmt der mündige Patient bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens ein?

Der Patient wird zum wesentlichen Treiber der Digitalisierung. Er wird in Zukunft viel mehr mit den Füßen abstimmen und sich die Transparenz holen, die er möchte. Darauf aufbauend wird er dort hingehen, wo er für sich den größten Nutzen sieht. Das, was er von anderen Services oder Dienstleistung aus anderen Branchen kennt - wie beispielsweise das Hotelzimmer oder den Mietwagen buchen - das wird er auch von Gesundheitswesen verlangen. Damit wird seine Rolle deutlich gestärkt und er wird zum Kunden im Gesundheitswesen aufsteigen, der selbstbewusst in den Dialog mit den einzelnen Akteuren geht. Das führt dann zu mehr Transparenz, mehr Selbstbestimmung und damit auch zu mehr Wettbewerb um die besten Dienstleistungen und Angebote für den Patienten.

Andere Länder sind Deutschland in der Digitalisierung weit voraus. Was können wir von ihnen im Hinblick auf Gesundheitskompetenz lernen?

Ich glaube, das meiste, was wir lernen können betrifft das Thema Mindset. Ich war kürzlich in Island und kann berichten, dass rund 98,5 % der Haushalte dort Internet haben und der nächste Arzt mehrere zig Kilometer weit weg ist. D.h. die Leute müssen sich dort viel mehr auf digitale Technologien verlassen und stehen dem auch offen gegenüber. Auch wird an Drohnen geforscht, die zum Beispiel Arzneimittel über längere Distanzen fliegen können. Anderes Beispiel: In Estland kann ich mir jeden Abend einen Kontoauszug holen, wo meine Daten Downloads und Uploads sichtbar sind und ich kann selbst Freigaben geben, wer darauf zugreifen darf. Dort sagen die Bewohner über sich: We are the coolest digital society in the world.

Ich glaube, wir können von beiden Ländern lernen, dass Digitalisierung insbesondere eine Frage der Kultur ist und der Bereitschaft die Chancen höher zu bewerten als die Risiken dieser neuen Technologien. Entweder weil ich es schlicht muss (aus Mangel an Alternativen wie in den Beispielen) oder weil ich es kann (und es somit zu Verbesserungen führt wie in Deutschland).

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Prof. Dr. David Matusiewicz

Professor Dr. David Matusiewicz ist Dekan für den Bereich Gesundheit & Soziales an der FOM Hochschule und renommierter Experte für Gesundheitsmanagement. Er ist Gründungsgesellschafter des Essener Forschungsinstituts für Medizinmanagement (EsFoMed GmbH), unterstützt Start-ups in diesem Bereich und ist Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen, die sich mit der digitalen Transformation im Gesundheitswesen beschäftigen.