Wie kommerziell darf die ePA sein?

Meinung: Die Begehrlichkeiten kommerzieller Anbieter, in den Markt der TI und ePA einzusteigen, sieht Dr. Hans Unterhuber kritisch. (01.07.2020)

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Dr. Hans Unterhuber, Vorstandsvorsitzender der SBK

Die elektronische Patientenakte (ePA) wird den Versicherten ab 2021 von den Krankenkassen zur Verfügung gestellt. Seine Bedenken, was den Einstieg kommerzieller Anbieter in den Markt angeht, schildert der Vorstandsvorsitzende der SBK:

„Du gehst zum Arzt, weil du Rückenschmerzen hast. Er verordnet dir eine manuelle Therapie und Schmerztabletten. Die Verordnungen erhälst du über das eRezept, die Informationen zur Einnahme der Tabletten werden im Medikationsplan aktualisiert und die Diagnose in der ePA hinterlegt. Passend dazu erhälst du in deine ePA umfassende Informationen rund um deine Diagnose und Tipps für ein Rückentraining zuhause eingestellt. Und damit du gut trainieren kannst, gibt es Links zu Trainingsmatten, Pilatesbällen und schicken Sportklamotten von einem großen Online-Händler sowie eine Medikamentenempfehlung von einem Pharmaunternehmen in deiner ePA. Diese personalisierte Werbung findest du natürlich auch auf anderen Websites, die du kurz nach deinem Arztbesuch anklickst.

Wir haben ein anderes Bild von Patientensouveränität

Ist es wirklich das, was wir wollen, wenn wir von einer Vision von eHealth sprechen, von nahtlosen Übergängen und der Integration von Anwendungen? Für mich persönlich geht das einen Schritt zu weit. Ich möchte nicht, dass kommerzielle Anbieter mitspielen, wenn es um so private Informationen wie meine Gesundheitsdaten geht. 

Denn natürlich haben diese Unternehmen ein Interesse daran, dass ihr Umsatz stimmt. Sie möchten verkaufen. Das ist ganz normal und auch nicht zu verurteilen. Das ist auch eine Sache der Kultur des Landes, in dem das Unternehmen beheimatet ist. In den USA beispielsweise ist es gang und gäbe, dass Großkonzerne wie Amazon und Google die Daten sammeln und Profit machen. Nur müssen wir als Gesellschaft entscheiden, ob wir diese Tatsache für einen Akteur auf dem ersten Gesundheitsmarkt akzeptieren möchten. In Europa herrscht ein ganz anderes Bild von Patientensouveränität. Da ist es immer ein schmaler Grat zwischen freiem Markt und staatlicher Kontrolle, zwischen starren Regeln und groben Leitplanken, zwischen Innovationsfeindlichkeit und -förderung. Bei jedem Gesetz muss der Gesetzgeber abwägen, wie viel staatlicher Eingriff sinnvoll ist. Und auch wenn ich absolut der Überzeugung bin, dass die Menschen in den öffentlichen Einrichtungen Gestaltungsspielraum brauchen, um im Sinne der Bürger zu handeln – es braucht Grenzen. Und eine der Grenzen, die nicht überschritten werden darf, liegt für mich in der Datennutzung im Zusammenhang mit der ePA durch kommerzielle Anbieter. Denn selbst wenn strenge Datenschutzrichtlinien und DSGVO einen gewissen Schutz bieten – wir Krankenkassen unterliegen einfach anderen Vorschriften als Wirtschaftsunternehmen. 

Die etablierten Akteure müssen sich modernisieren

Ich kann durchaus nachvollziehen, dass gerade die großen bekannten Player uns einiges Voraus haben bei Nutzerfreundlichkeit und digitalem Angebotsspektrum. Aber welchen Preis müssten wir zahlen, wenn wir diesen jetzt eine Tür öffnen für unsere Telematikinfrastruktur? Sind wir dazu bereit? Ich nicht. Sicherheit sowie der vertrauliche und nicht kommerzielle Umgang mit unseren Kundendaten sind es mir nicht wert. Ich ziehe eher einen anderen Schluss: Es ist an uns, an den etablierten Akteuren, sich zu bewegen und zu modernisieren. Wir müssen Kundenzentrierung und Digitalisierung in unseren Kreisen etablieren.

Denn das wird uns auch auf lange Sicht helfen. Alle Erfahrungen, die wir jetzt machen, werden uns weiter bringen und besser machen. Wenn wir beispielsweise jetzt eine gute Lösung für die Vergabe und Verwaltung von Versicherten-IDs für eRezept, ePA & Co finden, dann wird uns das auch weiter bringen bei zukünftigen Projekten in anderen Bereichen der Bürger-Services. Nur dann können wir gestalten, und müssen nicht erleiden, was uns von anderen auferlegt wird. Wenn wir das Projekt aber in kommerzielle Hände geben, dann vertun wir diese Chance.“

Die hier zur Verfügung gestellten Inhalte dürfen, unter Angabe der Quelle SBK Siemens-Betriebskrankenkasse, veröffentlicht werden.