Auf ein paar Schritte mit Nora Blum

Gründerin von Selfapy

Mittagspause in Berlin: Wir treffen Nora Blum, Mitbegründerin des psychologischen Online-Programms Selfapy, mitten im Prenzlauer Berg. Auch Bürohund Alex freut sich, dass es zum Spaziergang in den nahen Mauerpark geht, und läuft zielsicher auf die große Wiese zu.

Nora Blum, Psychologin und Geschäftsführerin des Online-Anbieters Selfapy, erzählt, was hinter dem Schriftzug mit der Kompassnadel steckt und was das für SBK-Versicherte bedeutet.

Nora, vor drei Jahren hast du mit Kati Bermbach das Start-up Selfapy gegründet. Was treibt dich an?
Ich fand es einfach unfassbar, dass jemand mit Zahnschmerzen nach maximal einigen Stunden im Wartezimmer Hilfe erhält, während Menschen mit psychischen Beschwerden teilweise monatelang suchen und warten, bis sie einen Ansprechpartner finden. Gerade wenn einen Ängste oder eine Depression belasten, fällt es einem doch schwer, aktiv für sich zu sorgen, sich Hilfe zu holen oder überhaupt die Situation anzunehmen.

Dieser Versorgungsbedarf bei psychischen Problemen wurde euch bereits im Psychologiestudium durch Praktika und Jobs drastisch bewusst?
Genau. Kati hatte bei ihrer Arbeit in der Charité Klinik unter anderem die Aufgabe, wartenden Patienten abzusagen, wenn es keine Therapieplätze gab. Spätestens da war uns klar: Wir wollen etwas tun. Und zwar etwas anderes als eine Psychotherapiepraxis zu eröffnen.
Deshalb haben wir angefangen, onlinebasierte Hilfsangebote zu entwickeln, die möglichst viele Menschen erreichen und die jeder sofort nutzen kann.

Warum ist das so wichtig?
Anstatt lediglich eine lange Liste von Ärzten und Psychotherapeuten abzutelefonieren und an den Absagen zu verzweifeln, können Menschen mit psychischen Problemen wie Angstzuständen, Essstörungen oder depressiven Symptomen bei Selfapy sofort damit anfangen, etwas für sich zu tun. Durch die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, wird das Gefühl der Hilflosigkeit und des Alleinseins gelindert. Deshalb auch das „self“ in unserem Namen.

Unsere Online-Fragebögen helfen im ersten Schritt, sich ein Bild von der eigenen Situation zu machen und das passende Programm zu wählen. Die digitalen Angebote unterstützen mit Videos, Texten und praktischen Übungen, die eigene Stimmung und das Verhalten zu analysieren und zu verbessern beziehungsweise zu ändern. Und natürlich bieten wir auch den regelmäßigen telefonischen Kontakt mit einem Psychologen.

Wie habt ihr angefangen, eure Idee umzusetzen?
Wir haben uns mit erfahrenen Ärzten und Psychotherapeuten ausgetauscht, viel Zeit in unsere Inhalte gesteckt und damals dann zunächst eine schlichte Textseite einfach online gestellt.
Unser Angebot wurde schnell sehr gut angenommen, das hat uns natürlich motiviert, es weiter auszubauen und eine Finanzierung aufzunehmen. Unsere erste klinische Studie konnten wir schon im Gründungsjahr am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg durchführen – mit positiven Ergebnissen! Das war für uns als junges Start-up eine großartige Möglichkeit, ein Konzept zu testen, was in Fachkreisen anfangs durchaus skeptisch aufgenommen wurde.

Also funktionieren eure Angebote?
Ja, wir überprüfen das stetig mit standardisierten Fragebögen. Im Verlauf eines Programms von neun bis zwölf Wochen stellen die Nutzer fest, dass ihre Symptome zurückgehen. Inzwischen werden wir auch in der Fachwelt anders wahrgenommen und spüren viel Sympathie und Anerkennung, weniger Skepsis.

Selfapy und die SBK sind seit Dezember 2018 Partner, erzähl mal, wie es dazu kam.
Unsere Zusammenarbeit begann mit dem Start-up-Wettbewerb Healthy Hub, bei dem wir uns gegen mehr als 70 Mitbewerber durchsetzen konnten. Fünf gesetzliche Krankenkassen, denen der digitale Fortschritt besonders am Herzen liegt, haben gemeinsam diesen Wettbewerb ausgeschrieben, um innovative Gesundheitsangebote zu finden und zu fördern. Die SBK war eine davon – und wollte mit uns ein Pilotprojekt starten! Wir hatten gleich eine gemeinsame Vision.

Wie hast du die Zusammenarbeit mit der SBK empfunden?
Von Anfang an rundum positiv! Es war immer klar, dass die SBK voll und ganz hinter uns steht, an unser Angebot glaubt und wir unsere Vision zusammen verwirklichen werden. Für uns als Gründerinnen war der Prozess, unser Konzept auf die Anforderungen einer Krankenkasse zuzuschneiden, enorm lehrreich und hat uns einen großen Erfahrungsschatz beschert, dafür sind wir sehr dankbar.

Wie wird das Angebot denn angenommen?
Es freut uns sehr, dass die SBK-Versicherten das Angebot so gut annehmen. Die meisten Selfapy-Teilnehmer erhalten Hilfe im Umgang mit depressiven Symptomen, Angststörungssymptome stehen an zweiter Stelle.

Kannst du dich an ein Feedback erinnern, das dich besonders berührt hat?
Ja, es gab eine Nutzerin, die bereits seit sechs Monaten auf einen Therapieplatz gewartet hatte. Sie hatte mehrere Erstgespräche bei Psychotherapeuten hinter sich, bekam aber nie direkt einen Platz für die Psychotherapie. Sie fühlte sich dadurch wie „rumgereicht“. Zu den Terminen ist sie immer lange gefahren, da sie in einer ländlichen Region wohnt. Sie war so erleichtert und dankbar, über Selfapy dann innerhalb von 48 Stunden direkt mit jemandem sprechen zu können. Die Möglichkeit, mit unserem Programm aktiv etwas für sich tun zu können, noch dazu von zu Hause aus, hat sie als große Unterstützung während der Wartezeit empfunden.

Wir haben es extra so eingerichtet, dass SBK-Versicherte sich einfach mit ihrer Versichertennummer einloggen können, sie müssen nicht erst einen Zugangscode beantragen. Damit ist die Schwelle, sich Hilfe und Beratung zu holen, so niedrig wie möglich zu halten.

Herzlichen Dank, liebe Nora Blum, für dieses Gespräch!